Lagerkosten und Kapitalbindung berechnen: Lagerhaltungskostensatz
Kurz gesagt
Der Lagerhaltungskostensatz sagt, wie viel Prozent des durchschnittlichen Lagerwerts ein Artikel im Jahr an Lagerkosten verursacht. Sie setzen Zins, Raum, Schwund, Versicherung und Handling ins Verhältnis zum Lagerwert und addieren die Quoten (im Beispiel 25,2 Prozent). Er ist eine Kalkulationsgröße; den Wertansatz begrenzen Anschaffungs- und Herstellungskosten (Deutschland § 255 HGB, Österreich § 203 UGB, Schweiz Art. 960a OR).
Das Wichtigste
- Lagerhaltungskostensatz = Summe der Jahreslagerkosten ÷ durchschnittlicher Lagerwert × 100, in Prozent je Jahr.
- Kostenarten des Beispiels: kalkulatorischer Zins 6,0, Raum 8,4, Schwund 1,0, Versicherung 0,6, Handling 9,2 Prozent.
- Kalkulationsgröße, kein Wertansatz: Anschaffungs- und Herstellungskosten begrenzen die Bewertung (§ 255 HGB, § 203 UGB, Art. 960a OR).
- Im Beispiel kostet der A-Artikel 1,52 Euro je Stück, der C-Artikel 0,25 Euro bei 0,25 Euro Einstandspreis.
- Deutschland: Basiszinssatz nach § 247 BGB 1,52 Prozent seit 1. Juli 2026 (Deutsche Bundesbank), als Orientierung für den Kalkulationszins.
Der Lagerhaltungskostensatz zeigt, welcher Anteil des Lagerwerts je Jahr durch die Lagerung verbraucht wird; aus den Kostenarten entsteht ein Prozentsatz, den Sie auf einzelne Artikel anwenden.
Was Sie vorab brauchen
- den durchschnittlichen Lagerwert je Artikel oder je Lagergruppe in Euro je Jahr, nicht den Stichtagswert
- die Jahreskosten des Lagers je Kostenart: Zins, Raum, Schwund, Versicherung, Handling
- einen Kalkulationszinssatz für alle Artikel (redaktionelle Empfehlung: einmal im Jahr festlegen)
- Einstandspreis je Stück und Absatzmenge je Artikel und Jahr, siehe Einstandspreis berechnen
Schritt für Schritt: vom Kostenblock zum Prozentsatz
Schritt 1: Durchschnittlichen Lagerwert ermitteln
Der Lagerwert schwankt im Jahr, der Satz gilt für ein ganzes Jahr. Bilden Sie also das Mittel aus zwölf Monatswerten (Summe ÷ 12) oder als Näherung den halben Betrag aus Jahresanfangs- und Jahresendwert: im Beispiel 500.000,00 Euro. Rechnen Sie nicht mit einem Stichtagswert und alle Quoten mit demselben Lagerwert.
Schritt 2: Kapitalbindung und kalkulatorischen Zins ansetzen
Es gilt: Zinsquote in Prozent je Jahr = Kalkulationszinssatz in Prozent × Kapitalbindungsanteil. Die Kapitalkosten des Lagerbestands bestehen aus zwei Teilen: dem Zins, der für die Finanzierung zu zahlen wäre, und dem Nutzenentgang, also der Rendite der anderweitigen Verwendung (Harms 2001, Kap. 4, Abschnitt Capital Costs, S. 33). Die Kostenrechnung führt sie als kalkulatorische Zinsen; in der Lagerplanung stehen sie als Zins- und Lagerkosten je Einheit neben den Bestellkosten (Universität Zürich, Vorlesung Lagerhaltungsmanagement, Seite 13).
Der Kapitalbindungsanteil ist im Beispiel 1,0, weil der Betrieb bei Lieferung bezahlt; ein Zahlungsziel mindert ihn. Sechs Prozent Kalkulationszins ergeben eine Zinsquote von 6,0 Prozent. In Deutschland kann der Basiszinssatz nach § 247 BGB eine Orientierung für die Höhe sein: Die Deutsche Bundesbank gibt ihn nach § 247 Abs. 2 BGB bekannt, seit 1. Juli 2026 beträgt er 1,52 Prozent; im Gesetzestext steht 3,62 Prozent als Ausgangswert mit Verweis auf die Bekanntmachungen.
Schritt 3: Raum, Schwund und Versicherung erfassen
Raum-, Service- und Risikokosten stehen neben den Kapitalkosten (Harms 2001, Kap. 4, S. 29). Nehmen Sie Miete oder kalkulatorische Miete, Heizung, Beleuchtung, Reinigung und die Abschreibung fester Lagereinrichtungen zusammen: Raumquote in Prozent = Raumkosten je Jahr ÷ durchschnittlicher Lagerwert × 100, im Beispiel 42.000,00 Euro ÷ 500.000,00 Euro × 100 = 8,4 Prozent. Reserveflächen ordnen Sie dem Lager insgesamt zu.
Die Schwundquote misst, was im Lager verloren geht: Bruch, Verderb, Verlust und der Saldo der Inventurdifferenzen. Schwundquote in Prozent = Wertverlust je Jahr ÷ durchschnittlicher Lagerwert × 100, im Beispiel 5.000,00 Euro ÷ 500.000,00 Euro × 100 = 1,0 Prozent.
Die Versicherungsquote ist die Jahresprämie für Lagerbestand, Feuer oder Einbruch geteilt durch denselben Lagerwert: 3.000,00 Euro ÷ 500.000,00 Euro × 100 = 0,6 Prozent. Prämien, die an den Bestand anknüpfen, gehören dazu; die Gebäudeversicherung nicht.
Schritt 4: Handlingkosten je Jahr erfassen
Handling umfasst jede Bewegung: Wareneingang, Einlagerung, Umlagerung, Kommissionierung, Verpackung, Warenausgang und Inventur. Zählen Sie Personal- und Gerätekosten zusammen; anteilige Personalkosten rechnen Sie mit dem Zeitanteil ein. Handlingquote in Prozent = Handlingkosten je Jahr ÷ durchschnittlicher Lagerwert × 100, im Beispiel 46.000,00 Euro ÷ 500.000,00 Euro × 100 = 9,2 Prozent. Rechnen Sie die Quote aus eigenen Daten; sie hängt an Sortiment und Personalstand.
Schritt 5: Die Quoten zum Lagerhaltungskostensatz addieren
Addieren Sie die fünf Quoten; das Ergebnis ist der Lagerhaltungskostensatz in Prozent je Jahr. Die Tabelle ist die Beispielrechnung mit erfundenen Zahlen; Zinssatz und Beträge sind Annahmen.
| Kostenart | Jahresbetrag (Euro) | Rechnung | Quote (Prozent je Jahr) |
|---|---|---|---|
| kalkulatorischer Zins | 30.000,00 | 500.000,00 × 6,0 Prozent | 6,0 |
| Raum | 42.000,00 | 42.000,00 ÷ 500.000,00 × 100 | 8,4 |
| Schwund | 5.000,00 | 5.000,00 ÷ 500.000,00 × 100 | 1,0 |
| Versicherung | 3.000,00 | 3.000,00 ÷ 500.000,00 × 100 | 0,6 |
| Handling | 46.000,00 | 46.000,00 ÷ 500.000,00 × 100 | 9,2 |
| Summe | 126.000,00 | 126.000,00 ÷ 500.000,00 × 100 | 25,2 |
Nachgerechnet: 30.000,00 + 42.000,00 + 5.000,00 + 3.000,00 + 46.000,00 = 126.000,00 Euro; 126.000,00 ÷ 500.000,00 = 0,252, also 25,2 Prozent. Kontrolle: 6,0 + 8,4 + 1,0 + 0,6 + 9,2 = 25,2.
Schritt 6: Den Satz auf einen A- und einen C-Artikel anwenden
Rechnen Sie je Artikel getrennt: Lagerwert = durchschnittlicher Bestand in Stück × Einstandspreis in Euro je Stück, Lagerkosten je Jahr = Lagerwert × Lagerhaltungskostensatz. Der Bezug auf die verkaufte Menge macht Artikel vergleichbar: Lagerkosten je verkauftem Stück = Lagerkosten je Jahr ÷ Absatzmenge. Wie A-, B- und C-Artikel entstehen, zeigt die ABC-Analyse und die ABC-XYZ-Analyse.
Beispielrechnung: ein A-Artikel und ein C-Artikel
Erfundene Zahlen, gerechnet mit dem Satz von 25,2 Prozent aus Schritt 5. Der A-Artikel dreht schnell, der C-Artikel liegt lange.
| Angabe | A-Artikel | C-Artikel |
|---|---|---|
| Einstandspreis (Euro je Stück) | 24,20 | 0,25 |
| durchschnittlicher Bestand (Stück) | 500 | 2.000 |
| Lagerwert (Euro) | 12.100,00 | 500,00 |
| Absatzmenge (Stück je Jahr) | 2.000 | 500 |
| Reichweite (Jahre) | 0,25 | 4,00 |
| Lagerkosten je Jahr (Euro) | 3.049,20 | 126,00 |
| Lagerkosten je verkauftem Stück (Euro) | 1,52 | 0,25 |
| Lagerkosten in Prozent des Einstandspreises | 6,3 | 100,8 |
Nachgerechnet für den A-Artikel: 500 × 24,20 = 12.100,00 Euro Lagerwert; 12.100,00 × 0,252 = 3.049,20 Euro je Jahr; 3.049,20 ÷ 2.000 = 1,52 Euro je Stück, das sind 1,5246 ÷ 24,20 × 100 = 6,3 Prozent des Einstandspreises; Reichweite 500 ÷ 2.000 = 0,25 Jahre, rund drei Monate.
Für den C-Artikel: 2.000 × 0,25 = 500,00 Euro Lagerwert; 500,00 × 0,252 = 126,00 Euro je Jahr; 126,00 ÷ 500 = 0,25 Euro je Stück bei 0,25 Euro Einstandspreis, also 100,8 Prozent. Die Liegedauer beträgt 2.000 ÷ 500 = vier Jahre.
Die Zeilen zeigen zwei Hebel: Beim A-Artikel trägt der Lagerwert den Zins- und Raumanteil, beim langsam drehenden C-Artikel macht die Liegedauer aus einem Bagatellbetrag den Gegenwert der Ware. Wer nur den angesetzten Satz senkt, ändert bei unveränderten Jahresbeträgen nichts an der Kostenhöhe, sondern nur an der Belastung je Artikel. Reichweite und Umschlagshäufigkeit rechnen Sie mit Lagerumschlag und Reichweite.
Was der Satz handelsrechtlich nicht ist
Der Lagerhaltungskostensatz ist eine Rechengröße für Preis- und Sortimentsentscheidungen. Für die Bilanz gilt das Bilanzrecht des jeweiligen Landes:
| Land | Grundlage | Was der Wertansatz enthält | Was der Lagerhaltungskostensatz ändert |
|---|---|---|---|
| Deutschland | § 255 Abs. 1 und 3 HGB | Anschaffungskosten aus Erwerbsaufwand, Nebenkosten und nachträglichen Anschaffungskosten abzüglich zuordenbarer Preisminderungen (Fassung nach Art. 75 Abs. 1 EGHGB erstmals für nach dem 31. Dezember 2015 beginnende Geschäftsjahre); Fremdkapitalzinsen sind keine Herstellungskosten, ein Ansatzwahlrecht gilt nur für den Herstellungszeitraum | nichts |
| Österreich | § 203 Abs. 2 und 4 UGB | Anschaffungskosten aus Erwerbsaufwand, Nebenkosten und nachträglichen Anschaffungskosten abzüglich der Preisminderungen; Zinsen für Fremdkapital dürfen im Rahmen der Herstellungskosten angesetzt werden, soweit sie auf den Herstellungszeitraum entfallen (in Kraft seit 20. Juli 2015) | nichts |
| Schweiz | Art. 960a Abs. 1 und 2 OR | Anschaffungs- oder Herstellungskosten als Wert, in der Folgebewertung nicht höher | das OR nennt die Bestandteile nicht einzeln; die Obergrenze bleibt maßgebend |
In der Schweiz bleibt die Obergrenze maßgebend: Aktiven dürfen in der Folgebewertung nicht höher als zu den Anschaffungs- oder Herstellungskosten bewertet werden (Art. 960a Abs. 2 OR). Ob Lagerkosten dort in einen Aktivwert einfließen, klären Sie mit Ihrer Treuhandberatung. Wie der Wertansatz am Abschlussstichtag gebildet wird, steht bei Lagerbewertung nach HGB.
So prüfen Sie das Ergebnis
- Summenprobe: Summe der Jahresbeträge ÷ durchschnittlicher Lagerwert × 100 ergibt den Satz (126.000,00 ÷ 500.000,00 × 100 = 25,2).
- Quotenprobe: Die gerundeten Quoten ergeben denselben Satz (6,0 + 8,4 + 1,0 + 0,6 + 9,2 = 25,2).
- Stückprobe: Lagerkosten je Jahr ÷ Absatzmenge ergeben die Lagerkosten je verkauftem Stück (3.049,20 ÷ 2.000 = 1,52 Euro).
- Abgrenzungsprobe: Vergleichen Sie die Lagerkosten je verkauftem Stück mit dem Einstandspreis; übersteigt der Anteil die Handelsspanne, ist der Artikel im Lager teurer als kalkuliert.
Wenn etwas nicht klappt
| Symptom | Mögliche Ursache | Lösung |
|---|---|---|
| Der Satz liegt unter dem Kalkulationszinssatz | die Zinskomponente fehlt oder Lageraufwand ist allgemeiner Aufwand gebucht | Zinsansatz nachtragen und die Lagerkostenstellen auswerten |
| A- und C-Artikel haben dieselben Lagerkosten je Stück | der Bestand wurde nur für das Lager als Ganzes erfasst | Bestand und Absatzmenge je Artikel aus dem ERP holen und je Artikel rechnen |
| Die Handlingquote fehlt oder ist sehr klein | Lagerpersonal wird als Gemeinkostenstelle ohne Lagerbezug geführt | Zeitanteile je Tätigkeit erfassen oder die Quote als Annahme kennzeichnen |
Wann Sie Hilfe holen sollten
Holen Sie Ihre Steuer- oder Treuhandberatung, sobald der Satz in Wertansatz, Abschreibung oder Wertberichtigung hineinreichen soll, besonders zur Obergrenze des Art. 960a OR in der Schweiz. Die Softwarebetreuung brauchen Sie, wenn Ihr System Lagerkosten nicht je Lagerort und Bewegung führt.