Bestandsgenauigkeit messen: Wie genau ist der Lagerbestand im System?
Kurz gesagt
Die Bestandsgenauigkeit messen Sie mit einer Zufallsstichprobe: Sie legen eine Toleranz je Artikel fest, berechnen den Stichprobenumfang aus erwarteter Genauigkeit und Fehlergrenze und zählen die ausgewählten Artikel. Die Genauigkeit ist der Anteil der Artikel innerhalb der Toleranz, in Prozent. In Deutschland ist die Stichprobe zugleich eine Abstimmungskontrolle nach den GoBD (Rz. 100, Fassung vom 14. Juli 2025).
Das Wichtigste
- Stichprobenumfang: n = z² · p̂ · (1 − p̂) / (e² + z² · p̂ · (1 − p̂) / N); bei 95 Prozent Sicherheitsgrad z = 1,96.
- Toleranz je Artikel vorab festlegen, z. B. ±1 Stück für A-Artikel, ±2 Stück für B-Artikel, ±5 Prozent für C-Artikel (redaktionelle Empfehlung).
- Bestandsgenauigkeit stückbasiert = Anteil der gezählten Artikel innerhalb der Toleranz × 100; wertbasiert = Wert der Artikel innerhalb der Toleranz ÷ Gesamtwert der Stichprobe × 100.
- DE: GoBD (Fassung vom 14. Juli 2025) verlangen vollzählige, lückenlose Aufzeichnung (Rz. 36 ff.) und Kontrollen, die Sie einrichten, ausüben und protokollieren (Rz. 100).
- AT: § 192 UGB; CH: Art. 958c OR — die Stichprobe ist dort eine freiwillige Kontrolle, keine Abschlussvorschrift.
Der Buchbestand im ERP ist nur so gut wie die letzten korrekten Buchungen. Eine Bestandsstichprobe misst, wie oft der Systembestand mit dem Regal übereinstimmt, ohne das gesamte Lager zu zählen. Sie liefert eine Genauigkeitszahl, die Sie über die Zeit vergleichen können, und ein Ursachenblatt, das zeigt, wo der Bestand verliert.
Was Sie vorab brauchen
- den Buchbestand je Artikel aus dem ERP (Stückzahl und Wert)
- die Anzahl N der aktiven Artikel im Lager
- die erwartete Genauigkeit p̂ aus dem Vorjahr oder einer Pilotzählung, also den Anteil der Artikel, die innerhalb der Toleranz lagen
- die Fehlergrenze e in Prozentpunkten, die Sie tolerieren
- ein Zählgerät oder eine App, die die gezählten Mengen erfasst
- die Festlegung, wer zählt und wann
- ein Formular für das Ursachenblatt
Schritt für Schritt: Bestandsstichprobe
Schritt 1: Grundgesamtheit abgrenzen
Legen Sie fest, welche Artikel gezählt werden: alle aktiven Artikel des Lagers. N ist ihre Anzahl. Artikel, die nicht im Lager liegen, etwa beim Kunden in Aufbewahrung, gehören nicht in die Grundgesamtheit.
- Ergebnis: N steht fest, z. B. 2.400 Artikel.
Schritt 2: Toleranz festlegen
Legen Sie vor der Zählung fest, welche Abweichung je Artikel noch als korrekt gilt. Redaktionelle Empfehlung: A-Artikel (hoher Umsatz) ±1 Stück, B-Artikel ±2 Stück, C-Artikel ±5 Prozent des Buchbestands. Tragen Sie die Toleranz in das Zählformular ein, damit der Zähler sie nicht selbst entscheiden muss.
- Ergebnis: Je Artikel steht die Toleranz fest.
Schritt 3: Stichprobenumfang berechnen
Die Formel für eine einfache Zufallsstichprobe ohne Zurücklegen (Statistics Canada, Survey Methods and Practices, 12-587-X, Abschnitt 8.1.3):
n1 = z² · p̂ · (1 − p̂) / e² n = n1 · N / (N + n1)
| Zeichen | Bedeutung | Einheit |
|---|---|---|
| n | Stichprobenumfang | Artikel |
| z | z-Wert zum Sicherheitsgrad | ohne Einheit (95 Prozent: 1,96) |
| p̂ | erwarteter Anteil der Artikel innerhalb der Toleranz | Anteil (0,90 = 90 Prozent) |
| e | Fehlergrenze | Anteil (0,03 = 3 Prozentpunkte) |
| N | Anzahl der aktiven Artikel | Artikel |
Beispielrechnung mit erfundenen Zahlen: N = 2.400, p̂ = 0,90, e = 0,03, z = 1,96.
n1 = 3,8416 × 0,90 × 0,10 / 0,0009 = 384,16, aufgerundet 385. n = 385 × 2.400 / (2.400 + 385) = 331,8, aufgerundet 332 Artikel.
- Ergebnis: Der Stichprobenumfang steht fest, z. B. 332 Artikel.
Schritt 4: Zufallsauswahl ziehen und zählen
Wählen Sie die 332 Artikel nach dem Zufallsprinzip aus, z. B. mit einer Zufallsfunktion im ERP. Zählen Sie jeden Artikel an seiner Lagerstelle und tragen Sie Buchbestand, Istbestand und Abweichung ein. Legen Sie einen gemeinsamen Vergleichszeitpunkt für Buchbestand und Istbestand fest: Sperren Sie die Warenbewegungen für die Dauer der Zählung, oder dokumentieren Sie die Fortschreibung des Buchbestands während der Zählung, damit beide Bestände zum selben Zeitpunkt verglichen werden.
- Ergebnis: 332 gezählte Artikel mit Ist- und Buchbestand.
Schritt 5: Genauigkeit berechnen
Bestandsgenauigkeit stückbasiert = Anzahl der Artikel innerhalb der Toleranz ÷ Anzahl der gezählten Artikel × 100.
Beispiel: 301 von 332 Artikeln liegen innerhalb der Toleranz: 301 ÷ 332 × 100 = 90,7 Prozent.
Wertbasiert: Wert der Artikel innerhalb der Toleranz ÷ Gesamtwert der Stichprobe × 100.
Beispiel: 44.900 Euro von 48.600 Euro: 44.900 ÷ 48.600 × 100 = 92,4 Prozent.
- Ergebnis: Zwei Genauigkeitszahlen, die Sie mit dem Zielwert und dem Vorjahr vergleichen.
Schritt 6: Differenzen nach Ursache sortieren
Tragen Sie jede Abweichung in das Ursachenblatt ein. Jede Zeile nennt die Ursache, ein Beispiel, den Anteil an den Differenzen und die Gegenmaßnahme. Die Anteile sind erfundene Beispielwerte:
| Ursache | Beispiel | Anteil an den Differenzen | Gegenmaßnahme |
|---|---|---|---|
| Wareneingang nicht erfasst | Lieferschein liegt im Lager, Buchung fehlt | 35 Prozent | Wareneingang täglich erfassen |
| Warenausgang nicht erfasst | Kommissionierung ohne Buchung | 25 Prozent | Kommissionierung nur über das System |
| Falsche Lagerstelle | Artikel liegt an anderer Stelle als im System | 20 Prozent | Put-away-Regel und Lagerstellenpflege |
| Zählfehler | Doppelzählung oder falsche Stelle | 10 Prozent | Doppelzählung bei Abweichung |
| Schwund nicht gebucht | Beschädigung ohne Buchung | 7 Prozent | Schwundbuchung mit Freigabe |
| Systemfehler | Doppelte Erfassung, falscher Artikel | 3 Prozent | Schnittstellenprüfung |
Sortieren Sie die Zeilen nach dem Anteil und setzen Sie die Gegenmaßnahme mit dem größten Anteil zuerst um.
- Ergebnis: Das Ursachenblatt zeigt, welche Maßnahme den größten Anteil an den Differenzen hat.
Was die GoBD dazu verlangen
In Deutschland verlangen die GoBD in der Fassung vom 14. Juli 2025, dass Geschäftsvorfälle vollzählig und lückenlos aufzuzeichnen sind (Rz. 36 ff.) und dass sich die Aufzeichnungen in ihrer Entstehung und Abwicklung lückenlos verfolgen lassen (Rz. 30 ff.). Die Bestandsstichprobe ist eine Abstimmungskontrolle im internen Kontrollsystem: Sie haben Kontrollen einzurichten, auszuüben und zu protokollieren (Rz. 100). Halten Sie Stichprobenplan, Zufallsauswahl, Zählprotokoll und Ursachenblatt für die Aufbewahrungsfrist vor. In Österreich (§ 192 UGB) und in der Schweiz (Art. 958c OR) ist die Stichprobe eine freiwillige Kontrolle, keine Abschlussvorschrift.
So prüfen Sie das Ergebnis
- Prüfen Sie, dass die Zufallsauswahl wirklich zufällig ist: keine manuelle Auswahl, keine Lücken in der Liste.
- Vergleichen Sie die stückbasierte und die wertbasierte Genauigkeit. Weichen sie stark voneinander ab, zeigt die Richtung, wo die Abweichungen liegen: Ist die wertbasierte Genauigkeit deutlich niedriger, konzentrieren sich die Abweichungen auf die teuren Artikel; ist die stückbasierte niedriger, auf die günstigen. Das ist ein Diagnosehinweis, keine gesicherte Ursache.
- Vergleichen Sie die Genauigkeit mit dem Vorjahr; eine sinkende Zahl ist ein Hinweis, dass die Gegenmaßnahmen nicht greifen. Beachten Sie die Fehlergrenze der Stichprobe, bevor Sie daraus schließen.
- Prüfen Sie, dass jede Differenz eine Ursache im Ursachenblatt hat; eine Differenz ohne Ursache ist ein offener Punkt.
Wenn etwas nicht klappt
| Symptom | Mögliche Ursache | Lösung |
|---|---|---|
| Die Genauigkeit liegt unter dem Zielwert | Gegenmaßnahmen greifen möglicherweise nicht | Ursachenblatt neu sortieren, Maßnahme mit dem größten Anteil zuerst umsetzen |
| Die wertbasierte Genauigkeit ist deutlich niedriger als die stückbasierte | Teure Artikel weichen ab | Teure Artikel in eine eigene Schicht legen und vollständig zählen |
| Der Stichprobenumfang ist zu groß für die verfügbare Zeit | Fehlergrenze zu eng | Fehlergrenze von 3 auf 5 Prozentpunkte erhöhen und den Umfang neu berechnen |
| Artikel werden nicht gefunden | Falsche Lagerstelle | Lagerstellenpflege und Put-away-Regel einführen |
Wann Sie Hilfe holen sollten
Holen Sie Ihre Steuerberatung hinzu, wenn die Stichprobe die körperliche Bestandsaufnahme am Jahresende ersetzen soll; das regeln die jeweiligen Rechnungslegungsvorschriften. Liefert das ERP keine Zufallsauswahl oder keine Zählprotokolle, dokumentieren Sie Auswahl und Zählprotokolle außerhalb des ERP; entscheidend ist, dass sich die Stichprobe nachvollziehen lässt (GoBD Rz. 100, 151).