DE · AT · CHAnleitung

Key-User-Schulung: Wie Schlüsselpersonen das System weitergeben

Rechtsstand: · Aktualisiert:

Gilt für: Unabhängig von ERP-Produkt, Edition und Version; Schulungsplanung für Betriebe in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Kurz gesagt

Schulen Sie jeden Key User zuerst fachlich und dann als Trainer der Kollegen; als Beispielannahme 24 Stunden je Person, davon 8 für die Weitergabe. Jeder weist eine Ausstiegsaufgabe nach und schult danach den eigenen Bereich. In Deutschland bestimmt der Arbeitgeber die Schulung nach billigem Ermessen (§ 106 GewO); bei Berufsbildungsmaßnahmen hat der Betriebsrat eigene Rechte (§§ 96 bis 98 BetrVG).

Das Wichtigste

  • Key User werden zuerst im eigenen Fachprozess geschult und danach als Trainer der Kollegen.
  • Beispielannahme: 24 Stunden je Key User, davon 8 Stunden für Didaktik und Üben vor der Gruppe.
  • Jede Rolle hat einen eigenen Ausstiegstest: eine Aufgabe aus dem Tagesgeschäft ohne Hilfe lösen.
  • Der Trainertag endet mit einer 15-minütigen Unterweisung des Key Users vor der Gruppe.
  • In Deutschland hat der Betriebsrat bei Berufsbildungsmaßnahmen Rechte aus §§ 96 bis 98 BetrVG.
  • ISO 10015:2019 ist eine Leitlinie für Kompetenzmanagement; verbindlich wird sie nur durch Gesetz oder Vertrag.

Die Key User tragen ein neues ERP nach dem Start in die Bereiche. Wer sie nur im Fach schult, bekommt Ansprechpartner, die Vorgänge bedienen, aber keine Unterweisung halten können. Der Ablauf führt von der Rollenauswahl bis zur Weitergabe.

Was Sie vorab brauchen

  • Eine Liste der Rollen, die nach dem Start im System arbeiten, und ihrer täglichen Prozesse.
  • Ein Schulungssystem mit Testdaten und Zugang außerhalb des Live-Betriebs.
  • Je Teilnehmenden einen Rechner; für Gruppen bis sechs Personen einen zweiten Bildschirm.
  • Kurzanleitungen zu den geschulten Prozessen (Arbeitsanweisungen für das ERP).
  • Zeitbudget der Key User und eine Vertretung für ihr Tagesgeschäft (Key User im ERP-Projekt auswählen).
  • Ein Formular für die Teilnehmerliste (Name, Rolle, Datum, Ergebnis) und einen Nachschulungstermin.

Schritt für Schritt: Von der Key-User-Schulung zur Kollegenschulung

Schritt 1: Rollen und Prozesse zuschneiden

Legen Sie vor der ersten Schulung fest, welcher Prozess zu welcher Rolle gehört; Grundlage sind die Sollprozesse im Fachkonzept. Der Beispielbetrieb hat 19 Anwendende in vier Rollen (Auftrag und Vertrieb, Einkauf, Lager, Buchhaltung) sowie drei Key User, die die Weitergabe übernehmen. Die Key User stehen in der Schulungstabelle in einer eigenen Zeile und sind in den vier Rollenzeilen nicht mitgezählt; die vier Rollen umfassen 19 Personen, mit den drei Key Usern insgesamt 22. Wer zwei kleine Rollen abdeckt, bekommt beide Fachblöcke.

Schritt 2: Schulungsplan je Rolle aufstellen

Der Plan ordnet jeder Rolle Themen, Stunden und einen Ausstiegstest zu; die Stunden sind Annahmen, kein Marktwert. Die vier Rollenzeilen schulen die 19 Anwendenden ohne die Key User, die Key-User-Zeile steht daneben und ergänzt sie; die Zeile “alle Anwendenden” gilt für alle 22 Personen einschließlich der Key User.

Rolle Themen Stunden je Person (Annahme) Ausstiegstest
Key User (drei Personen) eigener Fachprozess, Stammdaten, Auswertungen, Fehlerfälle, Unterweisen, Kurzanleitung pflegen 16 Fach und 8 Trainer, zusammen 24 Prozessaufgabe allein lösen, Fehlerfall erklären, 15 Minuten unterweisen
Auftrag und Vertrieb (sechs Personen) Angebot, Auftrag, Lieferung, Rechnung, Belegkette prüfen 12 drei Aufgaben aus dem Tageslauf ohne Hilfe lösen
Einkauf (vier Personen) Bestellung, Wareneingang, Lieferanten- und Preisstamm 10 Wareneingang mit Teillieferung buchen
Lager (fünf Personen) Kommissionierung, Umbuchung, Inventur, Sperren 10 eine Inventurposition zählen, buchen und die Abweichung melden
Buchhaltung (vier Personen) offene Posten, Zahlungseingang, Auswertungen, Export 10 Zahlungseingang zuordnen und offene Posten auswerten
alle Anwendenden (22 Personen) Anmeldung, Navigation, Belege suchen, Aufgabenliste 4 anmelden, einen Vorgang finden, eine Störung beschreiben

Rechenprobe: 3 × 24 = 72, 6 × 12 = 72, 4 × 10 = 40, 5 × 10 = 50, 4 × 10 = 40 und 22 × 4 = 88 ergeben 362 Stunden, also 16,5 Stunden je Person (362 ÷ 22). Bezugsgröße sind die 22 Anwendenden aus 19 Personen in den vier Rollen und drei Key Usern.

Schritt 3: Den Ausstiegstest festlegen

Der Ausstiegstest ist eine Aufgabe aus dem eigenen Tagesprozess, die ohne Hilfe im Schulungssystem zu lösen ist; er zeigt, ob die Person den Prozess sicher bedient und ihre Schritte erklären kann. Die Kriterien sind ein redaktioneller Vorschlag. Als Annahme gilt der Test als bestanden, wenn die Aufgabe in 30 Minuten ohne fremde Hilfe gelöst wird und das Ergebnis der Vorgabe entspricht. Wer ihn nicht besteht, übt in einer Kleingruppe und wiederholt ihn nach einer Woche; beim Key User kommt eine Unterweisung von 15 Minuten vor der Gruppe hinzu.

Schritt 4: Die Key User als Trainer ausbilden

Der Trainertag vermittelt, den eigenen Prozess Schritt für Schritt zu erklären, eine Unterweisung aufzubauen, die Gruppe zu führen und Fehler samt Ausweg im System zu benennen. Als Vorschlag der Redaktion gilt die kleinste Einheit jeder Kollegenschulung: vormachen, gemeinsam durchführen, allein durchführen lassen, zurückmelden; als Annahme entfallen ein Drittel der Zeit aufs Erklären und zwei Drittel aufs Üben. Jede Unterweisung bekommt ein Train-the-Trainer-Blatt:

Feld Inhalt
Lernziel ein Satz: Was kann die Person nach der Einheit? Zum Beispiel: “Nach der Einheit legen Sie eine Bestellung mit Teillieferung an.”
Zielgruppe Rolle, Vorkenntnisse, Anzahl der Teilnehmenden
Prozessschritte nummerierte Reihenfolge vom Vorgang bis zum Abschluss, mit den Stellen, an denen Fehler auftreten
Übungsfall ein Fall aus dem Tagesgeschäft mit Testdaten, der alle Schritte durchläuft
Ablauf zeigen fünf Minuten, gemeinsam zehn, allein 15, Rückmeldung fünf (Annahme)
Hilfsmittel Schulungssystem, Testdaten, Kurzanleitung, zweiter Bildschirm
Kontrolle die Aufgabe, die jede Person allein löst, mit dem Sollergebnis
Nachschulung Termin und Name der Ansprechperson nach dem Start
Stand Datum, Version, verantwortliche Person

Schritt 5: Die Weitergabe im Bereich verankern

Unterweisen Sie in Gruppen von vier bis sechs Personen (Annahme) und am Arbeitsplatz; legen Sie fest, wann der Key User erreichbar ist, und bündeln Sie Rückfragen dort. Neue Mitarbeitende durchlaufen denselben Test. Fragen, die eine Kurzanleitung nicht beantwortet, sammelt der Key User und lässt sie fortschreiben; die nächsten Schritte nach dem Start beschreiben Mitarbeiterwiderstand im ERP-Projekt und Endanwender-Schulung beim ERP-Start.

Schritt 6: Nachschulen und nachhalten

Führen Sie je Person eine Zeile mit Rolle, Datum und Ergebnis. Vier Wochen nach dem Start wiederholen Sie die Aufgaben, die im Ausstiegstest nicht saßen; danach gilt die Schulung als abgeschlossen (Hypercare nach dem Go-live).

Was in Deutschland für die Schulung gilt

Der Arbeitgeber kann Inhalt, Ort und Zeit der Arbeitsleistung nach billigem Ermessen bestimmen, soweit Arbeitsvertrag, Betriebsvereinbarung, Tarifvertrag oder Gesetz nichts anderes festlegen (§ 106 GewO). Steht fest, dass sich die Tätigkeit ändern wird und die Kenntnisse dafür nicht ausreichen, muss er mit dem Arbeitnehmer die Anpassung erörtern; dieser kann ein Betriebsratsmitglied hinzuziehen (§ 81 Abs. 4 Satz 2 und 3 BetrVG).

Besteht ein Betriebsrat, hat er bei der Berufsbildung eigene Rechte: Auf sein Verlangen ermittelt der Arbeitgeber den Berufsbildungsbedarf und berät mit ihm darüber, wozu der Betriebsrat Vorschläge machen kann (§ 96 Abs. 1 BetrVG); kommt dabei eine Einigung nicht zustande, können beide Seiten die Einigungsstelle um Vermittlung anrufen (§ 96 Abs. 1a BetrVG). Ändern geplante Maßnahmen die Tätigkeit, sodass die Kenntnisse nicht mehr ausreichen, bestimmt er bei der Einführung betrieblicher Berufsbildungsmaßnahmen mit; kommt keine Einigung zustande, entscheidet die Einigungsstelle (§ 97 Abs. 2 BetrVG). Bei der Durchführung von Maßnahmen der betrieblichen Berufsbildung hat er mitzubestimmen und kann Teilnehmende vorschlagen (§ 98 Abs. 1 und 3 BetrVG); kommt über die Durchführung oder über die vorgeschlagenen Teilnehmenden keine Einigung zustande, entscheidet die Einigungsstelle (§ 98 Abs. 4 BetrVG). Absatz 6 erstreckt die Absätze 1 bis 5 auf sonstige Bildungsmaßnahmen im Betrieb. Wird eine Person mit der Durchführung der betrieblichen Berufsbildung beauftragt, kann er der Bestellung widersprechen, wenn die persönliche oder fachliche Eignung im Sinne des Berufsbildungsgesetzes fehlt (§ 98 Abs. 2 BetrVG).

Planen Sie die Schulungsstunden als Arbeitszeit ein: Arbeitszeit ist nach § 2 Abs. 1 ArbZG die Zeit vom Beginn bis zum Ende der Arbeit ohne Ruhepausen. Nach der Grundregel des § 3 ArbZG darf die werktägliche Arbeitszeit acht Stunden nicht überschreiten und nur auf bis zu zehn Stunden verlängert werden, wenn innerhalb von sechs Kalendermonaten oder 24 Wochen im Durchschnitt acht Stunden werktäglich nicht überschritten werden; das ist keine ausnahmslose Grenze: § 7 ArbZG lässt abweichende tarifvertragliche oder darauf gestützte betriebliche Regelungen zu, § 18 ArbZG nimmt bestimmte Beschäftigte, etwa leitende Angestellte, vom Gesetz aus. Das Arbeitszeitgesetz ist am 1. Juli 1994 in Kraft getreten. Eine Teilnehmerliste enthält personenbezogene Daten von Beschäftigten; in Deutschland dürfen sie verarbeitet werden, wenn dies für die Durchführung des Beschäftigungsverhältnisses erforderlich ist (§ 26 Abs. 1 BDSG). ISO 10015:2019 beschreibt als Leitlinie den Aufbau, die Umsetzung, die Pflege und die Verbesserung eines Systems für Kompetenzmanagement und Personalentwicklung; Normen sind nach der Erläuterung des DIN e. V. freiwillig und werden erst durch Gesetz oder Vertrag verbindlich. Diese Sätze gelten für Betriebe in Deutschland; für Österreich und die Schweiz sind die Regeln gesondert zu prüfen. Welche ERP-Funktionen Mitbestimmung auslösen, steht unter Betriebsrat und ERP-Einführung.

So prüfen Sie das Ergebnis

  1. Jede Rolle im Plan hat einen Ausstiegstest mit Aufgabe und Schwelle.
  2. Jeder Key User hat Fachblock, Trainertag und Unterweisung abgeschlossen.
  3. Jede Unterweisung hat ein Train-the-Trainer-Blatt mit Lernziel, Ablauf und Kontrolle.
  4. Die Teilnehmerliste ist geführt und die Ausstiegstests sind ausgewertet.
  5. Für jede nicht bestandene Aufgabe gibt es einen Nachschulungstermin.
  6. In Betrieben mit Betriebsrat ist die Schulungsplanung mit dem Gremium besprochen (§§ 96 bis 98 BetrVG).

Wenn etwas nicht klappt

Symptom Ursache Abhilfe
Nach dem Start fragen die Kollegen nur noch den Key User niemand hat den Prozess selbst durchlaufen Übungsanteil erhöhen, zwei Drittel der Zeit üben lassen
Die Unterweisung dauert doppelt so lange zu viele Teilnehmende Gruppe auf vier bis sechs Personen teilen
Der Ausstiegstest wird bestanden, im Alltag fehlen Schritte die Aufgabe deckt nur einen Ausschnitt ab Aufgabe aus dem vollständigen Vorgang wählen
Die Kurzanleitung passt nach dem ersten Update nicht mehr niemand pflegt sie nach der Schulung Pflege im Train-the-Trainer-Blatt eintragen

Wann Sie Hilfe holen sollten

Holen Sie die Personalabteilung, den Betriebsrat oder eine arbeitsrechtliche Beratung, sobald eine Betriebsvereinbarung betroffen ist, Schulungen außerhalb der Arbeitszeit stattfinden sollen oder ein Key User mit der Durchführung betrieblicher Berufsbildung beauftragt wird. Externe Unterstützung brauchen Sie, wenn im Betrieb niemand den Trainertag halten kann.

Häufige Fragen

In welchen Gruppen schule ich die Key User?

Als Annahme gilt eine Gruppe von vier bis sechs Personen je Einheit. Bei mehr Teilnehmenden sinkt die Übungszeit pro Kopf, weil Erklären und Rückmeldung länger dauern. Teilen Sie größere Rollen deshalb auf und setzen Sie einen zweiten Trainer ein, damit jede Person den Prozess selbst durchläuft.

Was mache ich, wenn ein Key User nicht vor Gruppen sprechen will?

Dann bleibt die Fachrolle bei ihm und die Weitergabe geht an eine zweite Person. Trennen Sie die beiden Aufgaben früh, spätestens nach dem Trainertag: Wer nicht unterweisen mag, wird im Alltag der Ansprechpartner für Rückfragen, während ein Kollege die Kurzschulungen hält.

Reicht eine Schulung vor dem Start des Systems?

Nein, planen Sie eine Nachschulung ein. Der Ausstiegstest zeigt den Stand am Ende der Schulung, nicht den im Tagesbetrieb. Vier Wochen nach dem Start wiederholen Sie die Aufgaben, die im Test nicht saßen, und ergänzen die Kurzanleitung um die Fragen, die bis dahin aufgekommen sind.

Zählt die Schulungszeit als Arbeitszeit?

In Deutschland ist Arbeitszeit nach § 2 Abs. 1 ArbZG die Zeit vom Beginn bis zum Ende der Arbeit ohne die Ruhepausen. Ob eine Schulung außerhalb der vereinbarten Arbeitszeit liegt, klären Sie mit der Personalabteilung; die werktägliche Grundregel steht in § 3 ArbZG, abweichende Regelungen lässt § 7 ArbZG zu.

Quellen

  1. Gewerbeordnung (GewO), § 106 Weisungsrecht des ArbeitgebersBundesministerium der Justiz, Gesetze im Internet · abgerufen am
  2. Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG), § 81 Unterrichtungs- und Erörterungspflicht des ArbeitgebersBundesministerium der Justiz, Gesetze im Internet · abgerufen am
  3. Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG), § 96 Förderung der BerufsbildungBundesministerium der Justiz, Gesetze im Internet · abgerufen am
  4. Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG), § 97 Einrichtungen und Maßnahmen der BerufsbildungBundesministerium der Justiz, Gesetze im Internet · abgerufen am
  5. Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG), § 98 Durchführung betrieblicher BildungsmaßnahmenBundesministerium der Justiz, Gesetze im Internet · abgerufen am
  6. Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG), Vollzitat und Stand der FassungBundesministerium der Justiz, Gesetze im Internet · abgerufen am
  7. Arbeitszeitgesetz (ArbZG), § 2 BegriffsbestimmungenBundesministerium der Justiz, Gesetze im Internet · abgerufen am
  8. Arbeitszeitgesetz (ArbZG), § 3 Arbeitszeit der ArbeitnehmerBundesministerium der Justiz, Gesetze im Internet · abgerufen am
  9. Arbeitszeitgesetz (ArbZG), § 7 Abweichende RegelungenBundesministerium der Justiz, Gesetze im Internet · abgerufen am
  10. Arbeitszeitgesetz (ArbZG), § 18 Nichtanwendung des GesetzesBundesministerium der Justiz, Gesetze im Internet · abgerufen am
  11. Arbeitszeitgesetz (ArbZG), Ausfertigungsdatum und Inkrafttreten am 1. Juli 1994Bundesministerium der Justiz, Gesetze im Internet · abgerufen am
  12. Bundesdatenschutzgesetz (BDSG), § 26 Datenverarbeitung für Zwecke des BeschäftigungsverhältnissesBundesministerium der Justiz, Gesetze im Internet · abgerufen am
  13. ISO 10015:2019, Quality management — Guidelines for competence management and people development, KatalogeintragInstitute for Standardization of Serbia (ISS), ISO-Katalog · abgerufen am
  14. ISO 10015:2019, Quality management — Guidelines for competence management and people developmentStandard Norge · abgerufen am
  15. Rechtliche Bedeutung von Normen (Rechtsverbindlichkeit durch Normen)DIN e. V., Berlin · abgerufen am