Hypercare: Die ersten vier Wochen nach dem ERP-Start
Kurz gesagt
Hypercare ist die intensive Unterstützungsphase direkt nach dem ERP-Start, in der ein festes Team Tickets triagt, KPIs beobachtet und eskaliert. Vier Wochen Dauer und tägliche Triage sind ein redaktioneller Vorschlag, keine Vorgabe aus einer Norm. Sie endet, wenn definierte Abbruchkriterien erfüllt sind: keine offenen kritischen Tickets, stabile KPIs und ein dokumentierter Übergang in den Regelbetrieb.
Das Wichtigste
- Vier Wochen Hypercare nach dem Go-live sind ein redaktioneller Vorschlag; der Übergang in den Regelbetrieb knüpft an die erfüllten Abbruchkriterien, nicht an die Dauer.
- Ein festes Team triagt täglich alle Tickets auf einem Triage-Board (redaktioneller Vorschlag).
- Das Daily Stand-up läuft 15 bis 30 Minuten (redaktioneller Vorschlag) und prüft die offenen kritischen Tickets.
- KPIs: offene Tickets je Schweregrad, Mittelzeit zur Lösung, aktive Workarounds.
- Abbruchkriterien: keine offenen kritischen Tickets, stabile KPIs, dokumentierter Übergang.
Nach dem Go-live laufen die Prozesse im neuen System, aber die Abläufe sind noch nicht eingespielt. In den ersten Tagen entstehen Fehler, offene Fragen und Workarounds, die ohne Struktur untergehen. Dieser Artikel zeigt, wie Sie die Hypercare-Phase strukturieren: ein festes Team, ein Triage-Board, ein Daily Stand-up und KPIs, die den Übergang in den Regelbetrieb messbar machen. Die Struktur folgt dem Ansatz des IT-Service-Managements nach ISO/IEC 20000-1 (aktuelle Fassung 2018); die Norm bindet nicht durch Gesetz, sondern nur, wo ein Vertrag oder eine Regelung sie festschreibt.
Was Sie vorab brauchen
- ein festes Hypercare-Team: je eine fachliche Ansprechperson je Kernprozess, eine IT-Person, die Tickets triagt, und die Projektleitung
- ein Triage-Board, auf dem jedes Ticket mit Schweregrad, Status und verantwortlicher Person steht
- einen festen Termin für das Daily Stand-up, der in den Kalendern aller Teammitglieder steht
- definierte KPIs mit Zielwerten, die Sie Woche für Woche abgleichen
- einen Eskalationspfad mit Ansprechpartner und Reaktionszeit je Schweregrad
- die Support-Zusage des Herstellers für die ersten Wochen, mit Reaktionszeit
Schritt für Schritt: Hypercare aufsetzen
Schritt 1: Hypercare-Team festlegen
Legen Sie vor dem Go-live das Team fest. Je Kernprozess (Vertrieb, Einkauf, Lager, Buchhaltung) benennen Sie eine fachliche Ansprechperson, die die Tickets aus ihrem Bereich priorisiert. Eine IT-Person triagt die Tickets und eskaliert. Die Projektleitung nimmt die Abbruchkriterien ab. Ende: Jede Rolle trägt einen Namen, nicht eine Abteilung.
Schritt 2: Triage-Board einrichten
Richten Sie ein Board ein, auf dem jedes Ticket mit Schweregrad, Status und verantwortlicher Person steht. Definieren Sie vier Schweregrade: 1 (System down, Prozess blockiert), 2 (Prozess eingeschränkt, Workaround nötig), 3 (Fehler, Workaround nicht nötig), 4 (Kosmetik, Frage). Ende: Jedes Ticket hat einen Schweregrad und eine verantwortliche Person.
Schritt 3: Daily Stand-up festlegen
Legen Sie einen festen Termin für das Daily Stand-up fest, 15 bis 30 Minuten, zu einer Zeit, in der alle Teammitglieder dabei sind. Geprüft wird: Welche kritischen Tickets sind offen? Was ist heute dran? Wo gibt es Blockaden? Ende: Das Stand-up steht in den Kalendern aller Teammitglieder.
Schritt 4: KPIs definieren
Definieren Sie die KPIs, die Sie Woche für Woche abgleichen: offene Tickets je Schweregrad, Mittelzeit zur Lösung, aktive Workarounds. Legen Sie je KPI eine Formel, eine Einheit und einen Zielwert fest. Ende: Jede KPI ist berechenbar und hat einen Zielwert.
Schritt 5: Eskalationspfad festlegen
Legen Sie den Eskalationspfad fest: Wer wird bei welchem Schweregrad wann informiert, und mit welcher Reaktionszeit? Ein Schweregrad-1-Ticket eskaliert sofort an die Projektleitung und den Hersteller. Ende: Der Pfad steht schriftlich und ist allen Teammitgliedern bekannt.
Woche für Woche: Der vierwöchige Plan
Der vierwöchige Rahmen ist ein redaktioneller Vorschlag; die ISO-Verlagsbeschreibung nennt Service-Management-Anforderungen, keine Hypercare-Zeitvorgaben. Die vier Wochen haben einen klaren Fokus. Woche 1 stabilisiert den Betrieb, Woche 4 übergibt in den Regelbetrieb.
| Woche | Fokus | Ziel am Ende der Woche |
|---|---|---|
| 1 | Betrieb stabilisieren | Alle Schweregrad-1-Tickets gelöst, KPIs gemessen |
| 2 | Workarounds abbauen | Offene Tickets sinken, Workarounds dokumentiert |
| 3 | Prozesse einspielen | KPIs stabil, Schulungsnachweise abgeschlossen |
| 4 | Übergabe vorbereiten | Abbruchkriterien geprüft, Regelbetrieb festgelegt |
Die KPIs im Überblick
Die KPIs zeigen, ob der Betrieb stabil wird. Jede KPI hat eine Formel, eine Einheit und einen Zielwert.
| KPI | Formel | Einheit | Ziel |
|---|---|---|---|
| Offene kritische Tickets | Anzahl Tickets mit Schweregrad 1 | Stück | 0 |
| Mittelzeit zur Lösung (MTTR) | Summe der Lösungsdauer ÷ Anzahl gelöster Tickets | Stunden | sinkt Woche für Woche |
| Offene Tickets gesamt | Anzahl offener Tickets | Stück | sinkt Woche für Woche |
| Aktive Workarounds | Anzahl Workarounds ohne Lösung | Stück | sinkt Woche für Woche |
Beispielrechnung für die MTTR (erfundene Zahlen): Fünf Tickets werden in 2, 4, 6, 8 und 10 Stunden gelöst. MTTR = (2 + 4 + 6 + 8 + 10) h ÷ 5 = 30 h ÷ 5 = 6 h.
Wann Hypercare endet
Hypercare endet, wenn alle Abbruchkriterien erfüllt sind:
- keine offenen kritischen Tickets (Schweregrad 1)
- die KPIs sind über zwei aufeinanderfolgende Wochen stabil
- alle Workarounds sind dokumentiert und haben einen Lösungstermin
- der Übergang in den Regelbetrieb ist mit Verantwortlichem und Datum festgelegt
Die Projektleitung prüft die Kriterien am Ende von Woche 4 und dokumentiert den Übergang.
So prüfen Sie das Ergebnis
Das Triage-Board ist vollständig, wenn jedes Ticket einen Schweregrad, einen Status und eine verantwortliche Person trägt. Die KPIs sind stabil, wenn sie über zwei aufeinanderfolgende Wochen nicht steigen. Der Übergang ist dokumentiert, wenn Verantwortlicher und Datum feststehen. Prüfen Sie außerdem, ob ein Ticket im Board steht, aber im System fehlt, oder umgekehrt.
Wenn etwas nicht klappt
| Symptom | Mögliche Ursache | Umgang |
|---|---|---|
| Kritische Tickets bleiben offen | die verantwortliche Person ist nicht erreichbar | Eskalationspfad nutzen, Schweregrad 1 an Projektleitung und Hersteller |
| KPIs steigen statt sinken | die Tickets werden nicht gelöst, nur neu eröffnet | Triage-Board prüfen, Workarounds dokumentieren, Lösungstermine setzen |
| Das Stand-up wird nicht eingehalten | der Termin kollidiert mit dem Tagesgeschäft | Termin verschieben, Dauer auf 15 Minuten kürzen, Agenda festlegen |
| Workarounds werden nicht abgebaut | es fehlt ein Lösungstermin | jeden Workaround mit Termin und verantwortlicher Person versehen |
Wann Sie Hilfe holen sollten
Holen Sie den Hersteller hinzu, wenn ein Schweregrad-1-Ticket nicht gelöst werden kann oder ein Prozess blockiert ist. Klären Sie mit Ihrer Steuerberatung, ob ein Workaround die Buchführung beeinträchtigt. Wie Sie die Abnahme des Systems dokumentieren, steht im Artikel zur Abnahme.