ERP, MES, PLM, SCM, CRM: Welche Systeme ein Mittelständler braucht
Kurz gesagt
Ein ERP führt Aufträge, Beschaffung, Lager und Buchhaltung in einer gemeinsamen Datenbasis zusammen; VDI 5600 Blatt 1 ordnet ihm die mittel- und längerfristige Planung mit geringem Detaillierungsgrad zu. MES, PLM, SCM und CRM decken je einen Nachbarbereich ab: Fertigungssteuerung, Produktinformationen über den Lebenszyklus, Lieferkette über mehrere Stufen und Kundenbeziehungen. Ob ein Betrieb mit rund 50 Mitarbeitenden ein Nachbarsystem braucht, entscheidet sich an den Datenflüssen: welche Daten in welcher Zeitnähe anfallen und ob das vorhandene ERP sie aufnehmen kann. Manuelle Doppelpflege ist ein Anlass zu prüfen, keine Voraussetzung (redaktionelle Einschätzung).
Das Wichtigste
- ERP heißt Enterprise Resource Planning; Arbeitsdefinition dieses Artikels: Aufträge, Beschaffung, Lager und Buchhaltung in einer gemeinsamen Datenbasis.
- VDI 5600 Blatt 1 (Ausgabe Oktober 2016) ordnet dem ERP die mittel- und längerfristige Planung mit geringem Detaillierungsgrad zu und beschreibt das MES als Ergänzung für die zeitnahe Planung und Steuerung der Fertigung.
- MES heißt Manufacturing Execution System; VDI 5600 Blatt 1 beschreibt seine Aufgaben, darunter Auftragsmanagement, Feinplanung, Datenerfassung, Leistungsanalyse und Qualitätsmanagement.
- PLM verwaltet nach der Begriffsklärung im Handbuch von Arnold et al. (2. Auflage 2011) alle Informationen über ein Produkt über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg.
- SCM optimiert nach der Beschreibung des Fraunhofer IML unternehmensübergreifende Logistiksysteme vom Hersteller bis zum Endkunden; CRM verwaltet nach der Darstellung des Landesportals Wirtschaft digital BW Kundenbeziehungen mit Kontaktdaten, dokumentierten Kundenkontakten und Leads.
- Richtlinien und Normen wie VDI 5600 und ISO 22400 sind kein Gesetz; sie binden nur, wenn ein Vertrag oder eine Vorschrift sie nennt.
Wer ein ERP sucht oder sein bestehendes System erweitern will, trifft auf vier weitere Kürzel: MES, PLM, SCM und CRM. Sie bezeichnen keine Alternativen zum ERP, sondern Nachbarbereiche, die je eine eigene Frage beantworten. Ob ein Betrieb sie braucht, entscheidet nicht die Mitarbeiterzahl allein, sondern wo Daten anfallen, wie zeitnah sie verfügbar sein müssen und ob das vorhandene System sie aufnehmen kann. Dieser Artikel nennt zu jedem Kürzel die Quelle seiner Aufgabenbeschreibung und zeigt danach das Modell eines Betriebs mit 50 Mitarbeitenden.
Wofür die Abkürzungen stehen
Die fünf Kürzel stehen für fünf Aufgabenbereiche. Die zweite Spalte nennt die Bezeichnung, die dritte fasst die Aufgabe in unseren Worten zusammen, die vierte nennt die Quelle, auf die sich diese Beschreibung stützt. Die Aufgabenbeschreibungen sind die Arbeitsdefinition dieses Artikels, keine allgemein verbindliche Abgrenzung.
| Kürzel | Ausgeschrieben | Aufgabe (Kurzbeschreibung) | Grundlage der Beschreibung |
|---|---|---|---|
| ERP | Enterprise Resource Planning | mittel- und längerfristige Planung mit geringem Detaillierungsgrad; Aufträge, Beschaffung, Lager und Buchhaltung in einer gemeinsamen Datenbasis | VDI 5600 Blatt 1 (Planungshorizont); Arbeitsdefinition dieses Artikels |
| MES | Manufacturing Execution System | Fertigung zeitnah planen und steuern; Auftragsmanagement, Feinplanung, Datenerfassung, Leistungsanalyse und Qualitätsmanagement | VDI 5600 Blatt 1 (Aufgabenübersicht) |
| PLM | Product Lifecycle Management | alle Informationen über ein Produkt über den gesamten Produktlebenszyklus verwalten | Arnold et al., Product Lifecycle Management beherrschen (2011), Kapitel 2.1 |
| SCM | Supply Chain Management | unternehmensübergreifende Logistiksysteme vom Hersteller bis zum Endkunden optimieren | Fraunhofer IML, Abschnitt „Supply Chain Management“ |
| CRM | Customer Relationship Management | Kundenbeziehungen verwalten: Kontaktdaten pflegen, Kundenkontakte dokumentieren, Leads und Vertriebspipeline verfolgen | Wirtschaft digital BW, Landesportal Baden-Württemberg |
Die Kürzel beschreiben Rollen, nicht Produkte: Ein einzelnes Programm kann zwei Rollen übernehmen. Die verwandten Begriffe PPS (Produktionsplanung und -steuerung) und BDE (Betriebsdatenerfassung) bezeichnen dagegen Teilaufgaben, die je nach Betrieb im ERP oder im MES (Fertigungsleitsystem) liegen.
Was das ERP zusammenhält und wo seine Grenze liegt
Das ERP ist der Ort, an dem ein Kundenauftrag entsteht, durch Beschaffung und Fertigung läuft und in der Buchhaltung endet. Ein Nachbarsystem hält daneben eine eigene, spezialisierte Sicht auf dieselben Vorgänge.
Für die Grenze zwischen ERP und MES gibt es eine Richtlinie: VDI 5600 Blatt 1 (Ausgabe Oktober 2016) ordnet dem ERP die mittel- und längerfristige Planung mit geringem Detaillierungsgrad zu. Was in der Fertigung im kurzen Takt anfällt – etwa ein Maschinenstart, das Unterbrechen eines Arbeitsgangs oder eine Qualitätsmeldung –, dafür fehlen einem ERP nach dieser Richtlinie die passende Ablage und die Mechanismen, solche Ereignisse zu verarbeiten. Die Daten der Anlagen- und Prozesssteuerungen sind für die Fertigungsorganisation umgekehrt zu detailliert. VDI 5600 Blatt 1 beschreibt deshalb das MES als Ergänzung, mit dem sich Fertigungsprozesse zeitnah planen und steuern lassen, und rechnet ihm die aktuelle Abbildung des Material- und Informationsflusses innerhalb der Supply Chain zu. Als Voraussetzung einer solchen Entscheidung nennt die Richtlinie die tatsächlichen Prozesse und die Fähigkeiten und Grenzen der verfügbaren IT-Systeme.
Für PLM beschreibt die Begriffsklärung im Handbuch von Arnold et al. die Grenze: PLM fokussiert die Produkte mit ihren Entstehungsprozessen, während das ERP die Unternehmensressourcen und die damit realisierte Produktion adressiert; die produktdatenspezifische Schnittstelle zwischen beiden rechnet das Handbuch dem PLM zu. Dasselbe Handbuch hält fest, dass für PLM viele Umschreibungen nebeneinander bestehen; die Aufgabenbeschreibung im Artikel bleibt deshalb eine Arbeitsdefinition. Für SCM und CRM haben wir keine Norm und keine Richtlinie geöffnet, die die Grenze zum ERP zieht. Dort legt der Betrieb die Grenze selbst fest: über die Frage, welches System ein Datum führend pflegt und welches es nur liest.
Die Systemlandschaft eines Betriebs mit 50 Mitarbeitenden
Das Modell zeigt einen erfundenen Fertigungsbetrieb mit 50 Mitarbeitenden: Auftragsfertigung, rund 80 Kundenaufträge im Monat, eigene Montage, zugekaufte Bauteile. Die Tabelle nennt für jedes Nachbarsystem, welche Daten zwischen ihm und dem ERP fließen und unter welcher Bedingung es entbehrlich ist. Die Rollen folgen den Quellen aus der Kürzeltabelle; die Datenflüsse und die Bedingungen gehören zu diesem Modell und sind eine redaktionelle Einschätzung, die keine Prüfung der eigenen Abläufe ersetzt.
| Nachbarsystem | ERP gibt hinein | Zurück ins ERP | Entbehrlich, solange |
|---|---|---|---|
| MES | Fertigungsaufträge, Stücklisten, Arbeitspläne, Termine | Rückmeldungen (Gutmenge, Ausschuss), Ist-Zeiten, Status, Qualitätsdaten | Rückmeldungen je Auftrag oder je Schicht genügen und keine Maschine im kurzen Takt Daten liefert |
| PLM | Artikelnummer, Kostenstand | freigegebene Stücklisten- und Änderungsstände | die Stückliste im ERP gepflegt wird und keine laufenden Konstruktionsänderungen anfallen |
| SCM | Bedarfe, Bestellungen, Bestände | Liefertermine, Lieferavis, Disponiervorschläge über Stufen | Bestellungen und Lieferantenstammdaten im ERP für den Überblick reichen |
| CRM | Kundennummer, Auftragshistorie, Zahlungsstatus | Kontaktdaten, dokumentierte Kundenkontakte, Leads | Kundenstamm und Auftragserfassung des ERP für Verkauf und Kundenpflege genügen |
Im Beispiel bleibt die Maschinenebene ohne eigenes System: Die Steuerungen melden an das MES, und das ERP erhält nur die verdichtete Rückmeldung. Braucht ein Betrieb ein Lagerverwaltungssystem mit Lagerplätzen und Wellenkommissionierung, tritt es als weiteres Nachbarsystem an die Stelle des ERP-Lagermoduls (ERP-Lagermodul oder WMS). Bleibt der Betrieb bei der Reihenfertigung ohne Varianten, entfällt auch das PLM.
Typische Fehler
- Ein Nachbarsystem kaufen, bevor die Datenflüsse feststehen: Ohne festgelegte Richtung und Feldliste entstehen zwei Datenbestände, die auseinanderlaufen. Schreiben Sie zuerst auf, welche Daten in welcher Zeitnähe anfallen und welche heute per Hand zwischen zwei Programmen wandern.
- Kunden- oder Artikeldaten in ERP und Nachbarsystem doppelt pflegen: Legen Sie je Datenobjekt ein führendes System fest (Single Source of Truth).
- Ein MES erwarten, wo Rückmeldungen je Schicht genügen: Prüfen Sie zuerst, ob das ERP mit seiner Rückmeldemaske ausreicht (BDE im ERP oder MES).
- Produktdaten in ERP und PLM parallel führen: Klären Sie, welches System die Stückliste führend hält (Artikeldaten: ERP oder PIM).
- Die Anbindung als selbstverständlich annehmen: Fragen Sie nach Umfang, Richtung und Betrieb der Schnittstelle, bevor Sie unterschreiben (Offene Schnittstellen prüfen).
So gehen Sie vor
- Listen Sie je Bereich auf, welche Daten anfallen, wie zeitnah sie gebraucht werden und bei welcher Übergabe heute jemand Daten von einem Programm in ein anderes überträgt.
- Bestimmen Sie für jedes Datum ein führendes System; alle anderen Systeme lesen es nur.
- Prüfen Sie je Nachbarsystem die Bedingung aus der Tabelle: Rückmeldetakt, Häufigkeit von Produktänderungen, Zahl der Lieferstufen, Umfang der Kundenpflege.
- Prüfen Sie erst danach Angebote; für die Auswahl gehört jedes Nachbarsystem in die Anforderungsliste (ERP-Anforderungen: Handel, Fertigung und Dienstleistung).
- Vereinbaren Sie je Anbindung, was bei Ausfall oder bei einer Änderung des einen Systems mit den Daten des anderen geschieht.
- Halten Sie die Grenze zwischen ERP und CRM schriftlich fest (Abgrenzung ERP und CRM).