Ist-Prozesse aufnehmen: Der erste Schritt vor der ERP-Auswahl
Kurz gesagt
Nehmen Sie jeden Ablauf mit der Person auf, die ihn ausführt, und halten Sie den Ist-Zustand in einer festen Feldstruktur fest, bevor Sie Anforderungen formulieren. Führen Sie einen Termin je Prozess, schreiben Sie währenddessen mit und lassen Sie die Aufnahme gegenlesen. Die Aufnahme zeigt Ausnahmen, Übergaben und Mengen; daraus entsteht die Anforderungsliste. Das Vorgehen ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz gleich.
Das Wichtigste
- Ein Termin je Prozess mit der ausführenden Person, nicht nur mit der Leitung.
- Die einseitige Vorlage hält Grenzen, Schritte, Beteiligte, Belege, Mengen, Ausnahmen und offene Punkte fest.
- Drei Detailebenen: Überblick, Hauptschritte, aufgeklappter Teilprozess mit Ausnahmen.
- ISO 9001:2026 ist am 16. September 2026 erschienen und ersetzt die Fassung 2015 (ÖNORM EN ISO 9001:2026 10 01).
- BPMN 2.0 ist ein Notationsstandard der Object Management Group; OMG führt BPMN 2.0.1 als ISO/IEC 19510:2013.
- Normen binden nicht von Gesetzes wegen; verbindlich werden sie nur über Gesetz, Vertrag oder Auftraggeber.
Wer seine Abläufe nicht aufgenommen hat, formuliert Anforderungen aus dem Gedächtnis und übersieht genau die Ausnahmen, die später Aufwand treiben. Die Aufnahme liefert die Grundlage, aus der prüfbare Anforderungen und ein Lastenheft entstehen. Aufnehmen heißt dabei festhalten, nicht verbessern.
Was Sie vorab brauchen
- einen Prozess, den Sie abgrenzen können: Name, Auslöser und Ergebnis
- die Person, die den Prozess ausführt; sie kennt die Ausnahmen
- eine Person, die über Änderungen entscheiden darf
- die Belege des Prozesses: Aufträge, Lieferscheine, Listen, Auswertungen
- ein leeres Vorlagenblatt je Prozess (die Vorlage steht unten)
- 60 bis 90 Minuten ohne Unterbrechung
Klären Sie vorher, ob Ihre Arbeitnehmervertretung zu beteiligen ist; die Rollen im Projekt stehen unter ERP-Auswahlteam. Ob Ihr Betrieb reif für ein neues System ist, prüft der ERP-Bereitschaftscheck.
Was Normen zur Aufnahme beitragen
Die ISO 9001 stellt den prozessorientierten Ansatz in den Mittelpunkt; zu ihren Anforderungen gehört, die für das Qualitätsmanagement benötigten Prozesse zu bestimmen und zu lenken. Die frei zugängliche ISO/IAF-Handreichung „Guidance on Processes” belegt das für Abschnitt 4.4 der Fassung 2015 und nennt die Bestandteile eines Prozesses: Aktivitäten, Ein- und Ausgaben, Abfolge, Kriterien und Methoden, Ressourcen, Verantwortlichkeiten sowie Risiken und Chancen. Nach der Handreichung gibt die Norm kein Format für die Prozessdokumentation vor; als Beispiele nennt sie Prozessblätter, Prozesslandkarten und Turtle-Diagramme.
Die aktuelle Ausgabe ist ISO 9001:2026; sie ist am 16. September 2026 erschienen und ersetzt die Fassung 2015 (ÖNORM EN ISO 9001:2026 10 01). ISO 9001 ist eine freiwillige Norm: Nach der Darstellung von Austrian Standards sind Standards Empfehlungen und haben grundsätzlich keine rechtliche Verbindlichkeit. Verbindlich wird eine Norm erst über einen Verweis in Gesetz, Vertrag oder Vorgabe eines Auftraggebers.
BPMN 2.0 ist die Notation der Object Management Group (OMG) für Geschäftsprozessdiagramme. OMG führt die Fassung 2.0.1 in seiner Liste der bei ISO angenommenen Spezifikationen als ISO/IEC 19510:2013; die aktuelle OMG-Fassung ist 2.0.2 vom Januar 2014. Auch BPMN bindet nicht von Gesetzes wegen; verbindlich wird es über Vertrag oder Vorgabe Ihres Auftraggebers.
Schritt für Schritt: vom Termin zur Prozessaufnahme
Schritt 1: Prozess und Grenzen festlegen
Benennen Sie den Prozess in einem Satz und setzen Sie zwei Grenzpunkte: Was löst ihn aus, und was ist sein Ergebnis? Für die Beschaffung etwa „Bedarf gemeldet” bis „Ware eingelagert und Rechnung bezahlt”. Ende dieses Schritts: Der Prozess hat einen Namen, einen Auslöser und ein Ergebnis.
Schritt 2: Das Gespräch mit der ausführenden Person führen
Gehen Sie den Ablauf vom Auslöser bis zum Ergebnis durch und lassen Sie sich jeden Schritt zeigen. Fragen Sie nicht, wie der Ablauf sein sollte, sondern was heute tatsächlich passiert. Die ISO/IAF-Handreichung schlägt für solche Gespräche Fragen vor, etwa: Was brauchen Sie, um Ihre Arbeit zu beginnen? Was entscheiden Sie selbst? Was ist das Ergebnis Ihrer Arbeit, und wer bekommt es? Woran erkennen Sie, dass Sie die Arbeit richtig gemacht haben? Sie tragen die Antworten in die Vorlage ein und sammeln die Belege ein. Ende dieses Schritts: Jeder Schritt steht mit ausführender Rolle und Beleg im Blatt.
Schritt 3: Die Aufnahme in drei Detailebenen ordnen
Halten Sie jede Aufnahme in drei Ebenen fest, damit Leser sie bei Bedarf aufklappen können. Ebene 1 ist der Überblick: ein Kasten mit Auslöser, Ergebnis und Beteiligten. Ebene 2 sind die Hauptschritte in ihrer Reihenfolge. Ebene 3 klappt die schwierigen Schritte auf und zeigt Entscheidungen und Ausnahmen. Die Einteilung ist unsere redaktionelle Vorgehensweise; in BPMN trägt der Sub-Prozess diese Verdichtung. Nach der Notation lässt sich ein Sub-Prozess schließen und wieder aufklappen, um ein niedrigeres Detailniveau zu zeigen (BPMN 2.0.2). Ende dieses Schritts: Jede Aufnahme liegt in den drei Ebenen vor.
Schritt 4: Gegenlesen lassen und offene Punkte schließen
Lesen Sie die Aufnahme der ausführenden Person vor und lassen Sie jede Zeile bestätigen oder streichen. Jeder offene Punkt bekommt einen Namen und ein Datum. Ende dieses Schritts: Die Person hat die Aufnahme bestätigt, oder die Abweichung steht als offener Punkt mit Zuständigem im Blatt.
Schritt 5: Ablegen und fortschreiben
Versehen Sie die Aufnahme mit Datum, Verfasser und Versionsnummer und legen Sie sie dort ab, wo das Projekt darauf zugreift. Eine Aufnahme ohne Stand lässt sich später nicht mehr von einer Soll-Vorstellung unterscheiden. Ende dieses Schritts: Jede Aufnahme ist abgelegt und trägt einen Stand.
Die einseitige Interviewvorlage
Ein Blatt je Prozess, ausgefüllt im Gespräch.
| Feld | Was Sie eintragen |
|---|---|
| Prozess und Grenzen | Name, Auslöser, Ergebnis |
| Beteiligte | Rolle, wer ausführt, wer entscheidet |
| Schritte | Tätigkeit in Reihenfolge, je mit ausführender Rolle |
| Ein- und Ausgaben | Beleg, Liste oder Datei, die hinein- und herausgeht |
| Übergaben | wer was an wen weiterreicht |
| Entscheidungen | wann verzweigt wird und wonach |
| Ausnahmen | Abweichung und Zahl der Fälle im Zeitraum |
| Mengen | Fälle und Positionen je Zeitraum, Bearbeitungszeit |
| Hilfsmittel | Papier, Liste, System |
| Kontrollen | wer was prüft |
| Offene Punkte | Annahme oder Rückfrage mit Name und Datum |
| Stand | Datum der Aufnahme, Verfasser, Version |
Ein Beispiel: der Einkaufsprozess in drei Detailebenen
Beispielbetrieb: ein Handelsbetrieb mit 120 Bestellungen im Monat. Alle Zahlen sind erfunden und dienen nur der Veranschaulichung.
Ebene 1: Überblick
Ein Kasten, Prozess „Beschaffung”. Auslöser: Der Bestand eines Artikels fällt unter den Meldebestand, oder eine Abteilung meldet Bedarf. Ergebnis: Die Ware ist eingelagert, und die Lieferantenrechnung ist bezahlt. Beteiligt: Lager (Bedarf), Einkauf, Wareneingang, Buchhaltung. Mengen: 120 Bestellungen und 300 Bestellpositionen im Monat.
Ebene 2: Hauptschritte
| Nr. | Schritt | Ausführende Rolle | Beleg |
|---|---|---|---|
| 1 | Bedarf melden | Lager | Bedarfsmeldung |
| 2 | Bedarf prüfen und freigeben | Einkauf oder Leitung | freigegebene Bedarfsmeldung |
| 3 | Lieferant und Preis wählen | Einkauf | Angebot oder Rahmenvertrag |
| 4 | Bestellung auslösen | Einkauf | Bestellung |
| 5 | Wareneingang prüfen | Wareneingang | Lieferschein mit Prüfvermerk |
| 6 | Einlagern und verbuchen | Lager | Einlagerungsbuchung |
| 7 | Rechnung prüfen und freigeben | Buchhaltung | geprüfte Eingangsrechnung |
| 8 | Zahlung auslösen | Buchhaltung | Zahlungsbeleg |
In BPMN entsprechen diese Zeilen Aktivitäten in einem Sequenzfluss, die Spalte „Ausführende Rolle” einem Band (einer Lane). Den Lieferanten führen Sie als zweiten Teilnehmer (einen eigenen Pool), wenn Sie die Übergabe zwischen beiden zeigen wollen.
Ebene 3: Der Teilprozess „Wareneingang prüfen”
Schritt 5 aus Ebene 2, aufgeklappt:
- Anlieferung annehmen und Lieferpapiere übernehmen.
- Lieferschein gegen die Bestellung abgleichen: Artikel, Menge, Termin.
- Ware auf Menge und sichtbare Schäden sichten.
- Entscheiden, ob eine Abweichung vorliegt (in BPMN ein exklusives Gateway):
- keine Abweichung: Wareneingang buchen und Ware einlagern.
- Abweichung: klären, Teillieferung erfassen, Reklamation oder Rücksendung anstoßen, Entscheider informieren.
- Prüfvermerk auf den Lieferschein setzen und die Eingangsbuchung abschließen.
Von 250 Wareneingängen im Monat weichen im Beispiel 18 ab, das sind rund 7 Prozent.
| Abweichung | Fälle im Monat (erfunden) |
|---|---|
| Teillieferung | 12 |
| Mengendifferenz | 4 |
| Transportschaden | 2 |
Erst diese dritte Ebene zeigt, welche Anforderungen an ein System überhaupt entstehen: die Erfassung von Teillieferungen, eine Sperre für beschädigte Ware oder eine Rückstandsliste. Ohne die Aufnahme der Ausnahmen bleibt diese Zeile im Lastenheft leer. Wie aus der Aufnahme prüfbare Sätze werden, steht unter Anforderungen nach Muss, Soll, Kann.
So prüfen Sie das Ergebnis
- Grenzen: Auslöser und Ergebnis sind je Prozess in einem Satz benannt.
- Vollständigkeit: Jeder Schritt trägt eine ausführende Rolle und den Beleg, der weitergeht.
- Ausnahmen: Zu jeder Abweichung steht, wie viele Fälle im Zeitraum vorkommen.
- Zahlen: Mengen und Bearbeitungszeiten sind mit Einheit und Zeitraum eingetragen.
- Bestätigung: Die ausführende Person hat die Aufnahme gelesen und bestätigt; offene Punkte tragen Name und Datum.
- Stand: Datum, Verfasser und Version sind gesetzt.
Gegenprobe: Lesen Sie den Ablauf einer Person aus einem anderen Bereich vor. Kann sie die Übergaben und die Ausnahmen benennen, ist die Aufnahme verständlich.
Wenn etwas nicht klappt
| Symptom | Ursache | Abhilfe |
|---|---|---|
| Der Ablauf lässt sich nicht bis zum Ende aufnehmen | Sie sprechen mit einer Person, die den Prozess nicht ausführt | Das Gespräch mit der ausführenden Person führen; die Leitung nur für Entscheidungen dazuholen |
| Die Aufnahme zeigt nur den Normalfall | Nach Ausnahmen wurde nicht gefragt | Zu jedem Schritt fragen, was davon abweicht und wie oft |
| Zwei Aufnahmen widersprechen sich | Der Ablauf wird je nach Person unterschiedlich ausgeführt | Den Widerspruch als offenen Punkt festhalten und die Variante mit der Leitung entscheiden |
| Die dritte Ebene fehlt | Entscheidungen wurden im Gespräch übersprungen | Die Stellen mit „wenn …, dann …” markieren und je Stelle eine Verzweigung zeichnen |
| Die Aufnahme wird schon zum Soll-Ablauf | Im Gespräch wird bereits verbessert | Aufnehmen und Verbessern trennen; das Verbessern folgt später (Prozesse vor der Software) |
Wann Sie Hilfe holen sollten
Holen Sie Unterstützung, wenn ein Prozess mehrere Abteilungen umfasst und niemand den Gesamtüberblick hat, oder wenn die Aufnahme an einer Stelle abbricht, an der zwei Bereiche dieselbe Tätigkeit beanspruchen. Moderation und Aufbereitung können Sie an eine externe Begleitung geben; die fachliche Bestätigung bleibt bei der ausführenden Person. Aus der Aufnahme entsteht anschließend die Anforderungsliste im Kreis der Fachbereiche (Anforderungsworkshops); die Sollabläufe legen Sie später im Fachkonzept fest. Welche gesetzlichen Funktionen je Land zu beachten sind, steht unter Gesetzliche Pflichten in DACH.