Digitalisieren Sie zuerst die Prozesse, dann die Software
Kurz gesagt
Digitalisieren Sie zuerst die Prozesse, dann die Software. Wählen Sie drei Prozesse aus, zeichnen Sie sie so auf, wie sie heute laufen, streichen Sie überflüssige Schritte und erst danach entscheiden Sie, welches Tool den verbleibenden Ablauf trägt. So kaufen Sie keine Software, die einen unklaren Ablauf nur teurer macht.
Das Wichtigste
- Erst die drei wichtigsten Prozesse aufzeichnen, dann das Tool wählen – nicht umgekehrt.
- Die einseitige Vorlage hält pro Prozess fest: Auslöser, Schritte, Zuständige, Belege, Dauer.
- Überflüssige Schleifen und Doppelarbeit streichen Sie, bevor Sie etwas digitalisieren.
- DIN EN ISO 9001:2015 behandelt Prozesse in Abschnitt 4.4; sie ist grundsätzlich freiwillig, Verbindlichkeit kann durch gesetzliche Verweisung oder Vertrag entstehen.
- Mittelstand-Digital: Die Erfassung wichtiger Prozesse ist die Voraussetzung für die Digitalisierung.
Software, die einen unklaren Ablauf digitalisiert, macht den Fehler schneller und teurer. Deshalb beginnt die Digitalisierung mit dem Papier: Sie zeichnen die Abläufe so auf, wie sie heute laufen, streichen, was nicht nötig ist, und erst dann wählen Sie das Tool. Das Mittelstand-Digital-Zentrum WertNetzWerke beschreibt die Erfassung wichtiger Prozesse als Voraussetzung für die Digitalisierung (Best Practice, 2018).
Was Sie vorab brauchen
- drei Prozesse, die Sie mit den Beteiligten aufzeichnen können – je nach Betrieb etwa Auftragsabwicklung, Einkauf, Lager oder Abrechnung
- eine Person, die den Prozess täglich ausführt, und eine Person, die über Änderungen entscheidet
- die einseitige Vorlage aus Schritt 2, ein Blatt pro Prozess
- einen Ort für die Besprechung: Whiteboard, Flipchart oder ein großes Blatt Papier
- die Bereitschaft, den Ist-Prozess ohne Bewertung festzuhalten, auch wenn er unordentlich wirkt
Schritt für Schritt: Prozesse vor der Software
Schritt 1: Drei Prozesse auswählen
Wählen Sie drei Prozesse aus, die einen hohen Hebel haben. Kriterium ist nicht, wie einfach sich ein Prozess digitalisieren lässt, sondern wo die Frequenz hoch ist, wo mehrere manuelle Übergaben anfallen oder wo wiederkehrende Fehler entstehen. Ein Prozess, der täglich läuft und an zwei Stellen per Hand weitergegeben wird, hat mehr Hebel als ein Prozess, der nur ausnahmsweise vorkommt. Notieren Sie für jeden Prozess, wer ihn ausführt und wie oft er pro Woche oder Monat läuft. Ende dieses Schritts: Sie haben drei Prozesse mit Namen, Frequenz und zuständiger Person.
Schritt 2: Ist-Prozess aufzeichnen
Zeichnen Sie jeden der drei Prozesse so auf, wie er heute tatsächlich läuft – nicht, wie er laufen sollte. Gehen Sie den Ablauf mit der Person durch, die ihn täglich ausführt, und halten Sie jeden Arbeitsschritt fest, inklusive der Stellen, an denen etwas per Hand weitergegeben, nachgefragt oder doppelt erfasst wird. Füllen Sie dafür die einseitige Vorlage aus.
| Feld | Eintrag |
|---|---|
| Prozessname | z. B. „Auftragsabwicklung“ |
| Auslöser | Was startet den Prozess, z. B. „Kundenauftrag per Telefon“ |
| Schritte | Nummerierte Reihenfolge der Arbeitsschritte, je mit zuständiger Person |
| Belege und Daten | Welche Unterlagen entstehen, welche werden an den nächsten Schritt weitergegeben |
| Dauer | Wie lange dauert der Prozess heute, in Stunden oder Tagen |
| Engpässe | Wo stockt es, wo entsteht Wartezeit oder Doppelarbeit |
| Zielzustand | Wie soll der Prozess nach der Digitalisierung laufen |
Ende dieses Schritts: Sie haben drei ausgefüllte Vorlagen, die den Ist-Prozess ohne Bewertung zeigen.
Schritt 3: Überflüssige Schritte streichen
Gehen Sie die Vorlagen mit der entscheidenden Person durch und streichen Sie, was den Ablauf nicht trägt. Typische Kandidaten sind überflüssige Schleifen, doppelte Erfassung desselben Belegs, manuelle Übergaben, die ein System übernehmen könnte, und Freigaben, die keinen Zusatznutzen haben. Das Mittelstand-Digital-Zentrum WertNetzWerke identifizierte in seiner Best Practice genau solche überflüssigen Schleifen bei der Auftragsannahme, bevor die tägliche Arbeit mit digitalen Hilfsmitteln unterstützt wurde. Streichen Sie Schritt für Schritt und notieren Sie, was bleibt. Ende dieses Schritts: Sie haben eine kürzere Schrittfolge, die nur noch die notwendigen Arbeitsschritte enthält.
Schritt 4: Tool entscheiden
Erst jetzt wählen Sie das Tool. Prüfen Sie, ob es die verbleibenden Schritte abdeckt, ob die vorhandenen Daten in das System übernommen werden können und ob es an die Systeme anschließt, die der Prozess berührt. Vergleichen Sie die Kosten aus Lizenz, Einführung und laufendem Betrieb über den Zeitraum, den Sie einplanen. Die Kriterien für einen solchen Vergleich stehen im Artikel ERP-Gesamtkosten über fünf Jahre. Ende dieses Schritts: Sie haben ein Tool, das den optimierten Ablauf trägt, und eine begründete Entscheidung, warum.
So prüfen Sie das Ergebnis
Prüfen Sie für jeden der drei Prozesse, dass die Vorlage vollständig ist: Auslöser, Schritte mit Zuständigem, Belege, Dauer und Engpässe sind ausgefüllt. Prüfen Sie, dass die Schrittfolge nach Schritt 3 kürzer ist als der Ist-Prozess und dass jeder gestrichene Schritt einen Grund hat. Prüfen Sie, dass das gewählte Tool jeden verbleibenden Schritt abdeckt und dass die Datenübernahme und die Anbindung an die berührten Systeme geklärt sind. Wenn eine dieser Prüfungen fehlschlägt, kehren Sie in den entsprechenden Schritt zurück.
Wenn etwas nicht klappt
| Symptom | Mögliche Ursache | Umgang |
|---|---|---|
| Der Ist-Prozess lässt sich nicht vollständig aufzeichnen | Der Ablauf ist nicht einheitlich, jede Person macht ihn anders | Führen Sie die Aufnahme mit der Person durch, die den Prozess regelmäßig ausführt, und notieren Sie die Abweichungen als eigene Engpässe |
| Die Vorlage bleibt unvollständig | Zuständigkeiten sind im Betrieb nicht klar | Klären Sie die Zuständigkeiten im selben Termin und tragen Sie sie in die Vorlage ein; offene Punkte werden Engpässe |
| Nach dem Streichen läuft der Prozess nicht | Ein gestrichener Schritt war eine ungeschriebene Kontrolle | Setzen Sie den Schritt wieder ein und prüfen Sie, ob er als Systemregel statt als manuelle Aktion umgesetzt werden kann |
| Kein Tool deckt alle verbleibenden Schritte ab | Der Prozess ist zu breit für ein einzelnes Tool | Zerlegen Sie den Prozess in Teilprozesse und entscheiden Sie pro Teilprozess, welches Tool ihn trägt |
Wann Sie Hilfe holen sollten
Holen Sie Unterstützung, wenn die drei Prozesse mehrere Abteilungen berühren und keine Person den Gesamtüberblick hat, oder wenn die Aufnahme an einer Stelle abbricht, die Sie mit der vorliegenden Vorlage nicht auflösen können. Eine externe Begleitung, etwa über ein Mittelstand-Digital-Zentrum, kann die Prozessvisualisierung übernehmen und die kritischen Schritte mit Ihnen besprechen. Wo die Vorlagen später abgelegt und gepflegt werden, regelt das Betriebshandbuch fürs ERP.