Kapazitätsplanung: Auslastung und Engpass berechnen
Kurz gesagt
Der Kapazitätsbedarf eines Arbeitsorts ist die Summe aus Rüstzeit und Stückzeit mal Menge der geplanten Aufträge; das Angebot ergibt sich aus Schichten, Schichtstunden und Nutzungsgrad. Der Auslastungsgrad ist Bedarf geteilt durch Angebot. Der Engpass ist der Arbeitsort mit dem höchsten Auslastungsgrad; über 100 Prozent müssen Sie Bedarf verschieben, Kapazität erhöhen oder Rüstzeiten senken. Das gilt in Deutschland, Österreich und der Schweiz gleich.
Das Wichtigste
- Kapazitätsangebot je Arbeitsort: Schichten × Schichtstunden × Wochentage, abzüglich geplanter Ausfallzeiten, multipliziert mit dem Nutzungsgrad.
- Kapazitätsbedarf je Arbeitsort: Summe aus Rüstzeit je Los plus Stückzeit mal Losgröße aller dort geplanten Aufträge.
- Auslastungsgrad = Kapazitätsbedarf ÷ Kapazitätsangebot × 100, je Arbeitsort und je Woche.
- Engpass: der Arbeitsort mit dem höchsten Auslastungsgrad; über 100 Prozent ist der Bedarf der Woche nicht gedeckt.
- Methode: Standard der Produktionswirtschaft, beschrieben u. a. in Wiendahl, Betriebsorganisation für Ingenieure, und im REFA-Lexikon.
Die Kapazitätsplanung vergleicht, was in einer Woche an Arbeitszeit auf die Arbeitsorte fällt, mit der Zeit, die dort verfügbar ist. Sie ist die Gegenrechnung zur Materialbedarfsplanung: Die Materialbedarfsplanung sagt, was wann gebraucht wird, die Kapazitätsplanung sagt, ob die Arbeitsorte das schaffen. Das Ergebnis ist je Arbeitsort ein Auslastungsgrad und, falls einer über 100 Prozent liegt, der Engpass.
Was Sie vorab brauchen
Bevor die Rechnung startet, müssen zwei Stammdatensätze vollständig sein:
- Die Arbeitsorte: Schichten pro Tag, Stunden pro Schicht, Arbeitstage pro Woche, geplanter Ausfall (Wartung, Pausen) und der Nutzungsgrad
- Die Aufträge: je Arbeitsgang der zugeordnete Arbeitsort, die Rüstzeit je Los, die Stückzeit je Stück und die Losgröße
Fehlt ein Wert, den die Rechnung für einen Arbeitsort braucht, ist das Ergebnis für diesen Arbeitsort unbrauchbar. Die Zeiten stammen aus dem Arbeitsplan; die Aufträge aus der Materialbedarfsplanung.
Schritt für Schritt: Auslastung und Engpass berechnen
Schritt 1: Arbeitsorte und Schichten erfassen
Tragen Sie je Arbeitsort die Schichten pro Tag, die Stunden pro Schicht und die Arbeitstage pro Woche ein. Das Produkt ist die Bruttokapazität in Stunden pro Woche. Ende: jeder Arbeitsort hat eine Bruttokapazität in Stunden pro Woche.
Schritt 2: Kapazitätsangebot berechnen
Ziehen Sie vom Produkt die geplanten Ausfallzeiten ab und multiplizieren Sie das Ergebnis mit dem Nutzungsgrad. Der Nutzungsgrad ist das Verhältnis von tatsächlicher zu maximal möglicher Nutzung eines Betriebsmittels (REFA). Die Kapazität selbst ist die Leistungsfähigkeit eines Arbeitsorts, hier ausgedrückt in Zeitgrößen (REFA). Ende: jeder Arbeitsort hat ein Kapazitätsangebot in Stunden pro Woche.
Schritt 3: Kapazitätsbedarf je Arbeitsort berechnen
Berechnen Sie je Arbeitsgang die Zeit: Rüstzeit plus Stückzeit mal Losgröße. Die Rüstzeit ist die Zeit für Rüstaufgaben, fällt je Los einmalig an und belegt die Kapazität, ohne wertschöpfend zu sein (REFA). Die Stückzeit ist der Zeitaufwand je Stück (REFA). Addieren Sie die Zeiten aller Arbeitsgänge je Arbeitsort und je Woche. Ende: jeder Arbeitsort hat einen Kapazitätsbedarf in Stunden pro Woche.
Schritt 4: Auslastungsgrad je Woche berechnen
Dividieren Sie den Kapazitätsbedarf durch das Kapazitätsangebot und multiplizieren Sie mit 100. Die Auslastung ist das Verhältnis von tatsächlicher zu maximal möglicher Nutzung, bezogen auf eine Periode (REFA). Ende: jeder Arbeitsort hat einen Auslastungsgrad je Woche in Prozent.
Schritt 5: Engpass identifizieren
Der Arbeitsort mit dem höchsten Auslastungsgrad ist der Engpass. Liegt er über 100 Prozent, ist der Bedarf der Woche nicht gedeckt. Ende: der Engpass ist benannt, und die Wochen, in denen er über 100 Prozent liegt, sind bekannt.
Schritt 6: Engpass auflösen
Wählen Sie je Engpass eine Maßnahme aus: Bedarf in eine spätere Woche verschieben, Kapazität erhöhen, Rüstzeiten senken oder Teile des Bedarfs auslagern. Dokumentieren Sie die Entscheidung und rechnen Sie den Auslastungsgrad neu. Ende: der Auslastungsgrad des Engpasses liegt bei oder unter 100 Prozent, oder die verbleibende Überlastung ist ausdrücklich akzeptiert.
Ein Rechenbeispiel
Die folgende Beispielrechnung ist erfunden und dient nur der Veranschaulichung. Alle Zahlen sind Annahmen.
Arbeitsorte (Woche, 5 Arbeitstage):
| Arbeitsort | Schichten | Stunden pro Schicht | Geplanter Ausfall | Nutzungsgrad |
|---|---|---|---|---|
| WC1 Fräsen | 2 | 8 | 4 Stunden | 90 Prozent |
| WC2 Bohren | 1 | 8 | 2 Stunden | 95 Prozent |
| WC3 Montage | 2 | 8 | 4 Stunden | 85 Prozent |
Kapazitätsangebot:
- WC1: (2 × 8 × 5 − 4) × 0,90 = 76 × 0,90 = 68,4 Stunden
- WC2: (1 × 8 × 5 − 2) × 0,95 = 38 × 0,95 = 36,1 Stunden
- WC3: (2 × 8 × 5 − 4) × 0,85 = 76 × 0,85 = 64,6 Stunden
Aufträge (Woche 12):
| Auftrag | Menge | WC1 Rüstzeit / Stückzeit | WC2 Rüstzeit / Stückzeit | WC3 Rüstzeit / Stückzeit |
|---|---|---|---|---|
| A | 100 Stück | 2,0 h / 0,50 h | 1,0 h / 0,10 h | 1,0 h / 0,30 h |
| B | 200 Stück | 1,0 h / 0,20 h | 0,5 h / 0,05 h | 1,0 h / 0,15 h |
| C | 100 Stück | 0,5 h / 0,10 h | 0,5 h / 0,05 h | 1,0 h / 0,20 h |
Kapazitätsbedarf:
- WC1: (2,0 + 0,50 × 100) + (1,0 + 0,20 × 200) + (0,5 + 0,10 × 100) = 52,0 + 41,0 + 10,5 = 103,5 Stunden
- WC2: (1,0 + 0,10 × 100) + (0,5 + 0,05 × 200) + (0,5 + 0,05 × 100) = 11,0 + 10,5 + 5,5 = 27,0 Stunden
- WC3: (1,0 + 0,30 × 100) + (1,0 + 0,15 × 200) + (1,0 + 0,20 × 100) = 31,0 + 31,0 + 21,0 = 83,0 Stunden
Auslastungsgrad (Woche 12):
| Arbeitsort | Bedarf (Stunden) | Angebot (Stunden) | Auslastungsgrad |
|---|---|---|---|
| WC1 Fräsen | 103,5 | 68,4 | 151 Prozent |
| WC2 Bohren | 27,0 | 36,1 | 75 Prozent |
| WC3 Montage | 83,0 | 64,6 | 128 Prozent |
WC1 ist der Engpass: 103,5 ÷ 68,4 = 1,513, das sind 151 Prozent. WC3 liegt ebenfalls über 100 Prozent (83,0 ÷ 64,6 = 1,285, das sind 128 Prozent). WC2 hat 9,1 Stunden freie Kapazität (36,1 − 27,0).
Entscheidungsoptionen, wenn der Auslastungsgrad über 100 Prozent liegt:
| Option | Wirkung im Beispiel (WC1) |
|---|---|
| Bedarf in eine spätere Woche verschieben | Auftrag C (10,5 Stunden) nach Woche 13: Bedarf 93,0 Stunden, Auslastungsgrad 136 Prozent, weiterhin über 100 |
| Kapazität erhöhen | Eine Schicht zusätzlich: Angebot (3 × 8 × 5 − 4) × 0,90 = 104,4 Stunden, Auslastungsgrad 99 Prozent |
| Rüstzeiten senken | Rüstzeiten halbiert (1,75 Stunden gespart): Bedarf 101,75 Stunden, Auslastungsgrad 149 Prozent, weiterhin über 100 |
| Teil des Bedarfs auslagern | Auftrag B (41,0 Stunden) in Lohnfertigung: Bedarf 62,5 Stunden, Auslastungsgrad 91 Prozent |
Keine einzelne Maßnahme ist automatisch die richtige: Verschieben kostet Lieferzeit, eine zusätzliche Schicht kostet Personal, auslagern kostet den Aufpreis der Lohnfertigung. Die Wahl hängt vom Auftrag ab, dessen Termin die Überlastung verursacht.
So prüfen Sie das Ergebnis
Prüfen Sie je Arbeitsort, ob die Summe aus Rüstzeit und Stückzeit je Auftrag mit dem Bedarf übereinstimmt und ob das Angebot alle Schichten und den Nutzungsgrad enthält. Prüfen Sie, ob der Auslastungsgrad Bedarf geteilt durch Angebot ist. Liegt ein Arbeitsort in mehreren aufeinanderfolgenden Wochen über 100 Prozent, prüfen Sie die Ursache: Ist der Bedarf dauerhaft gestiegen, ist das Angebot dauerhaft zu niedrig angesetzt, oder fällt die Überlastung auf einzelne Aufträge? Wählen Sie die Maßnahme danach; eine dauerhaft erhöhte Kapazität kann die Überlastung über mehrere Wochen abdecken.
Wenn etwas nicht klappt
| Symptom | Mögliche Ursache | Umgang |
|---|---|---|
| Auslastungsgrad deutlich niedriger als die gefühlte Auslastung | Nutzungsgrad ist zu hoch angesetzt | Nutzungsgrad an den gemessenen Wert anpassen |
| Auslastungsgrad über 100 Prozent, Arbeitsort aber nicht voll belegt | Bedarf ist dem falschen Arbeitsort zugeordnet | Arbeitsort-Zuordnung im Arbeitsplan prüfen |
| Bedarf deutlich zu hoch | Rüstzeit ist je Stück statt je Los erfasst | Rüstzeit als festen Wert je Los eintragen |
| Auslastungsgrad jede Woche gleich | Bedarf ist nicht je Woche, sondern nur als Summe erfasst | Bedarf je Woche eintragen |
Wann Sie Hilfe holen sollten
Holen Sie Ihre Fertigungsplanung oder den ERP-Betreuer hinzu, wenn der Arbeitsplan mehr als zwei Arbeitsorte je Auftrag hat und Sie den Bedarf nicht nachvollziehen können, oder wenn der Auslastungsgrad in mehreren aufeinanderfolgenden Wochen über 100 Prozent liegt und Sie die Ursache nicht finden. Weicht der Auslastungsgrad von der gemessenen Auslastung ab, lassen Sie die Zeiten durch eine Zeitaufnahme nach REFA neu ermitteln.