Materialbedarfsplanung (MRP) Schritt für Schritt mit Rechenbeispiel
Kurz gesagt
Das ERP rechnet die Ebenen der Stückliste von oben nach unten durch. Auf jeder Ebene entsteht der Bruttobedarf eines Teils aus den terminierten Bestellvorschlägen der Elternartikel, multipliziert mit der Menge je Elterneinheit. Den Nettobedarf erhält es, indem es Bestand und offene Aufträge abzieht. Den Bestellvorschlag terminiert es um die Vorlaufzeit zurück und rundet auf die Losgröße auf; dieser Vorschlag wird zum Bruttobedarf der nächsten Ebene. Das Vorgehen gilt in Deutschland, Österreich und der Schweiz gleich.
Das Wichtigste
- Bruttobedarf eines Teils: terminierte Bestellvorschläge der Elternartikel, multipliziert mit der Menge je Elterneinheit, je Woche.
- Nettobedarf: Bruttobedarf abzüglich Bestand und offener Aufträge; nur der positive Rest wird bestellt.
- Bestellvorschlag: Nettobedarf plus Losgrößenaufrundung, um die Vorlaufzeit zurückterminiert; er wird zum Bruttobedarf der nächsten Ebene.
- Losgröße: Bedarf (Los-für-Los) oder feste Menge; sie bestimmt die Bestellmenge und den Lagerbestand.
- Methode: Standard der Produktionswirtschaft, beschrieben u. a. in Wiendahl, Betriebsorganisation für Ingenieure, und in den MIT OpenCourseWare-Folien zu MRP.
Die Materialbedarfsplanung (MRP, Material Requirements Planning) rechnet die Ebenen der Stückliste von oben nach unten durch: Der Bedarf eines Teils entsteht aus den terminierten Bestellvorschlägen der Elternartikel, und daraus leitet sie ab, wann und in welcher Menge bestellt oder gefertigt werden muss. Sie verbindet Absatzplan, Stückliste, Bestand, offene Aufträge und Vorlaufzeiten zu einem terminierten Bestellvorschlag und ist die Kernfunktion der Fertigungsplanung im ERP.
Was Sie vorab brauchen
Bevor der MRP-Lauf startet, müssen drei Eingaben vollständig sein: das Produktionsprogramm, der Artikelstamm und der Bestandsstatus.
- Das Produktionsprogramm: der Absatz- oder Auftragsbedarf des Endprodukts je Woche
- Der Artikelstamm je Artikel: die Stückliste mit der Menge je Elterneinheit (nur bei Artikeln, die selbst untergeordnete Artikel haben), die Vorlaufzeit in Wochen (Fertigung oder Beschaffung) und die Losgröße (Bedarf, Los-für-Los, oder feste Menge in Stück)
- Der Bestandsstatus je Artikel: der aktuelle Bestand in Stück und die offenen Aufträge als geplanter Wareneingang mit Woche
Fehlt ein Wert, den der Lauf für einen Artikel braucht, ist das Ergebnis für diesen Artikel unbrauchbar.
Schritt für Schritt: MRP-Lauf
Schritt 1: Stammdaten prüfen
Prüfen Sie, ob Produktionsprogramm, Artikelstamm und Bestandsstatus vollständig und aktuell sind. Je Artikel müssen Bestand, offene Aufträge, Vorlaufzeit und Losgröße vorliegen; eine Stückliste mit der Menge je Elterneinheit braucht nur ein Artikel, der selbst untergeordnete Artikel hat. Eine Vorlaufzeit ohne Einheit macht den Lauf unbrauchbar. Ende: jeder Artikel hat die Werte, die der Lauf für ihn braucht.
Schritt 2: Bruttobedarf ermitteln
Rechnen Sie die Ebenen der Stückliste von oben nach unten durch. Der Bruttobedarf eines Teils ist die Summe aus den terminierten Bestellvorschlägen der Elternartikel multipliziert mit der Menge je Elterneinheit, je Woche. Der Bestellvorschlag einer Ebene wird zum Bruttobedarf der nächsten Ebene. Ende: jeder Artikel hat einen Bruttobedarf je Woche, in Stück.
Schritt 3: Nettobedarf berechnen
Ziehen Sie vom Bruttobedarf je Woche den Bestand und die offenen Aufträge ab. Der Nettobedarf ist der positive Rest; ist er null oder negativ, entsteht kein Bedarf. Ende: jeder Artikel hat einen Nettobedarf je Woche, in Stück.
Schritt 4: Bestellvorschlag terminieren
Runden Sie den Nettobedarf auf die Losgröße auf und verschieben Sie den geplanten Wareneingang um die Vorlaufzeit zurück. Das Ergebnis ist der geplante Bestellvorschlag je Woche. Ende: jeder Artikel hat einen Bestellvorschlag mit Menge und Woche.
Schritt 5: Ergebnis prüfen und freigeben
Prüfen Sie die Tabelle auf negative Bestände und auf Bestellvorschläge, die vor dem Planungshorizont liegen. Freigeben Sie den Vorschlag erst, wenn alle Werte plausibel sind. Ende: der Bestellvorschlag ist freigegeben und liegt als Auftragsliste vor.
Ein Rechenbeispiel
Die folgende Beispielrechnung ist erfunden und dient nur der Veranschaulichung. Alle Zahlen sind Annahmen.
Stückliste (BOM):
| Eltern | Kind | Menge je Elterneinheit |
|---|---|---|
| F (Fertigprodukt) | H (Halbfabrikat) | 1 |
| F (Fertigprodukt) | R (Rohmaterial) | 2 |
| H (Halbfabrikat) | R (Rohmaterial) | 3 |
Stammdaten:
| Artikel | Bestand | Offene Aufträge | Vorlaufzeit | Losgröße |
|---|---|---|---|---|
| F | 0 Stück | – | 1 Woche | Bedarf (Los-für-Los) |
| H | 20 Stück | 100 Stück in Woche 3 | 1 Woche | Bedarf (Los-für-Los) |
| R | 150 Stück | – | 2 Wochen | 500 Stück (feste Losgröße) |
Produktionsprogramm (Bedarf von F):
| Woche | 2 | 3 | 4 | 5 |
|---|---|---|---|---|
| F-Bedarf (Stück) | 50 | 80 | 100 | 60 |
Fertigprodukt F (Vorlaufzeit 1 Woche, Los-für-Los):
| Woche | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 |
|---|---|---|---|---|---|
| Bruttobedarf (Stück) | – | 50 | 80 | 100 | 60 |
| Nettobedarf (Stück) | – | 50 | 80 | 100 | 60 |
| Geplanter Wareneingang (Stück) | – | 50 | 80 | 100 | 60 |
| Geplanter Bestellvorschlag (Stück) | 50 | 80 | 100 | 60 | – |
Halbfabrikat H (Vorlaufzeit 1 Woche, Los-für-Los, Bestand 20 Stück, offener Auftrag 100 Stück in Woche 3):
| Woche | 0 | 1 | 2 | 3 | 4 |
|---|---|---|---|---|---|
| Bruttobedarf (Stück) | – | 50 | 80 | 100 | 60 |
| Bestand am Anfang (Stück) | 20 | 20 | 0 | 0 | 0 |
| Offener Auftrag (Stück) | – | – | – | 100 | – |
| Nettobedarf (Stück) | – | 30 | 80 | 0 | 60 |
| Geplanter Wareneingang (Stück) | – | 30 | 80 | – | 60 |
| Geplanter Bestellvorschlag (Stück) | 30 | 80 | – | 60 | – |
Rohmaterial R (Vorlaufzeit 2 Wochen, feste Losgröße 500 Stück, Bestand 150 Stück):
| Woche | -1 | 0 | 1 | 2 | 3 | 4 |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Bruttobedarf (Stück) | – | 90 | 340 | 160 | 380 | 120 |
| Bestand am Anfang (Stück) | 150 | 150 | 60 | 220 | 60 | 180 |
| Nettobedarf (Stück) | – | 0 | 280 | 0 | 320 | 0 |
| Geplanter Wareneingang (Stück) | – | – | 500 | – | 500 | – |
| Geplanter Bestellvorschlag (Stück) | 500 | – | 500 | – | – | – |
Rechnungsweg:
- F: Der Bruttobedarf ist der Produktionsprogramm-Bedarf. Der Nettobedarf ist gleich, weil der Bestand null ist. Der Bestellvorschlag ist um eine Woche zurückgerechnet.
- H: Der Bruttobedarf ist der Bestellvorschlag von F (Menge 1 je F). In Woche 1 deckt der Bestand von 20 Stück 20 Stück ab, der Nettobedarf beträgt 30 Stück. In Woche 3 deckt der offene Auftrag von 100 Stück den Bedarf vollständig ab, der Nettobedarf ist null.
- R: Der Bruttobedarf ist 2 mal der Bestellvorschlag von F plus 3 mal der Bestellvorschlag von H. In Woche 1 beträgt der Nettobedarf 340 minus 60 (Bestand) gleich 280 Stück; das ERP bestellt die volle Losgröße von 500 Stück, mit Wareneingang in Woche 1 und Bestellvorschlag in Woche -1 (Vorlaufzeit 2 Wochen). In Woche 3 beträgt der Nettobedarf 380 minus 60 gleich 320 Stück; das ERP bestellt erneut 500 Stück, mit Wareneingang in Woche 3 und Bestellvorschlag in Woche 1. Der Bestellvorschlag in Woche -1 liegt vor dem Planungshorizont und ist damit bereits überfällig; um den Wareneingang in Woche 1 noch zu halten, muss die Beschaffung beschleunigt oder der Bedarf in eine spätere Woche verschoben werden.
So prüfen Sie das Ergebnis
Prüfen Sie je Artikel, ob der Bestand am Ende jeder Woche null oder positiv ist. Ein negativer Bestand zeigt, dass der Bedarf nicht gedeckt ist. Prüfen Sie außerdem, ob der Bestellvorschlag vor dem Planungshorizont liegt; ein Vorschlag in Woche 0 oder davor ist bereits überfällig – ohne Beschleunigung der Beschaffung oder Verschiebung des Bedarfs trifft die Ware zu spät ein. Prüfen Sie zuletzt, ob die Summe aus Anfangsbestand, offenen Aufträgen und geplanten Wareneingängen die Summe des Bruttobedarfs deckt.
Wenn etwas nicht klappt
| Symptom | Mögliche Ursache | Umgang |
|---|---|---|
| Negativer Bestand in einer Woche | Offener Auftrag fehlt oder ist zu klein | Offenen Auftrag ergänzen oder Losgröße erhöhen |
| Bestellvorschlag vor dem Planungshorizont | Vorlaufzeit verschiebt die Freigabe vor den Horizont | Beschaffung beschleunigen, Bedarf in eine spätere Woche verschieben oder Vorlaufzeit prüfen |
| Bruttobedarf eines Teils ist null | Stückliste ist unvollständig oder die Menge je Elterneinheit fehlt | Stückliste ergänzen und Menge je Elterneinheit eintragen |
| Bestellvorschlag ist viel größer als der Bedarf | Feste Losgröße ist zu groß | Losgröße anpassen oder auf Los-für-Los umstellen |
| Bestand wächst unaufhörlich | Losgröße ist zu groß oder der Bedarf sinkt | Losgröße anpassen und Bestand prüfen |
Wann Sie Hilfe holen sollten
Holen Sie Ihre Fertigungsplanung oder den ERP-Betreuer hinzu, wenn die Stückliste mehr als zwei Ebenen hat und Sie die Durchrechnung nicht nachvollziehen können, oder wenn der Bestellvorschlag negative Bestände erzeugt und Sie die Ursache nicht finden. Wenn die Vorlaufzeiten von Lieferanten abweichen, klären Sie die Werte schriftlich mit dem Lieferanten; ein mündlicher Wert ist keine Stammdatenbasis.