Herstellkosten vorkalkulieren: Material, Fertigung, Gemeinkosten
Kurz gesagt
Die Herstellkosten pro Stück setzen sich aus Materialkosten (Materialeinzelkosten nach Stückliste plus Materialgemeinkosten), Fertigungslöhnen aus der Vorgabezeit, Maschinenkosten aus Fertigungsstunden mal Maschinenstundensatz und dem Zuschlag für die verbleibenden Fertigungsgemeinkosten zusammen. Auf die Herstellkosten schlagen Sie Vertriebs- und Verwaltungsgemeinkosten auf; das Ergebnis sind die Selbstkosten. Auf die Selbstkosten schlagen Sie den kalkulatorischen Gewinn auf; das Ergebnis ist der Netto-Angebotspreis, und das Vorgehen gilt in Deutschland, Österreich und der Schweiz gleich.
Das Wichtigste
- Materialkosten: Materialeinzelkosten aus der Stückliste (Menge je Stück mal Einkaufspreis, Summe über alle Positionen) plus Materialgemeinkosten als Zuschlag auf die Materialeinzelkosten.
- Fertigungslöhne: Vorgabezeit in Stunden mal Lohnkostensatz; die Vorgabezeit liefert die Arbeitsvorbereitung nach REFA.
- Maschinenkosten: Fertigungsstunden mal Maschinenstundensatz; der Satz ist maschinenabhängige Gemeinkosten geteilt durch Jahreslaufzeit, in Euro pro Stunde.
- Fertigungsgemeinkostenzuschlag: Prozentsatz auf die Zuschlagsgrundlage, im Beispiel die Fertigungslöhne; bei separat verrechneten Maschinenkosten deckt er nur die verbleibenden Restgemeinkosten ab.
- Angebotspreis: Selbstkosten plus kalkulatorischer Gewinn, netto; die Selbstkosten umfassen Herstellkosten plus Vertriebs- und Verwaltungsgemeinkosten.
Was Sie vorab brauchen
Bevor Sie kalkulieren, brauchen Sie diese Daten aus der Arbeitsvorbereitung und dem Controlling:
- die Stückliste mit Menge je Stück und Einkaufspreis pro Position
- den Materialgemeinkostenzuschlag in Prozent auf die Materialeinzelkosten
- den Arbeitsplan mit der Vorgabezeit je Arbeitsgang in Stunden
- den Lohnkostensatz in Euro pro Stunde, inklusive Sozialaufwand
- den Maschinenstundensatz in Euro pro Stunde und die geplante Jahreslaufzeit der Maschine
- den Fertigungsgemeinkostenzuschlag in Prozent für die verbleibenden Restgemeinkosten und seine Zuschlagsgrundlage
- den Vertriebs- und Verwaltungsgemeinkostenzuschlag in Prozent
- den kalkulatorischen Gewinn in Prozent
Die Vorgabezeit liefert die Arbeitsvorbereitung. Nach der REFA-Definition setzt sie sich aus der Grundzeit und den Verteilzeiten als Zuschlag zusammen und ist die Grundlage für Kostenplanung und Kostenkontrolle. Der Lohnkostensatz enthält neben dem Bruttoentgelt den Sozialaufwand; er liegt damit über dem reinen Stundenlohn.
Schritt für Schritt: Herstellkosten und Angebotspreis kalkulieren
Die sechs Schritte führen von den direkten Kosten über die Zuschläge zum Netto-Angebotspreis. Führen Sie sie in dieser Reihenfolge durch, weil jeder Schritt auf dem Ergebnis des vorherigen aufbaut.
Schritt 1: Materialkosten aus der Stückliste ermitteln
Multiplizieren Sie für jede Position der Stückliste die Menge je Stück mit dem Einkaufspreis und addieren Sie die Positionen. Das Ergebnis sind die Materialeinzelkosten pro Stück. Schlagen Sie darauf den Materialgemeinkostenzuschlag in Prozent auf; das Ergebnis sind die Materialkosten pro Stück.
Schritt 2: Fertigungslöhne aus der Vorgabezeit berechnen
Multiplizieren Sie die Vorgabezeit in Stunden mit dem Lohnkostensatz. Das Ergebnis sind die direkten Fertigungslöhne pro Stück.
Schritt 3: Maschinenstundensatz festlegen
Teilen Sie die maschinenabhängigen Gemeinkosten pro Jahr durch die geplante Jahreslaufzeit in Stunden. Der Quotient ist der Maschinenstundensatz in Euro pro Stunde. Zu den maschinenabhängigen Gemeinkosten zählen unter anderem Abschreibung, Energie, Wartung und Instandhaltung der Maschine.
Schritt 4: Maschinenkosten auf das Produkt rechnen
Multiplizieren Sie die Fertigungsstunden des Produkts mit dem Maschinenstundensatz. Das Ergebnis sind die Maschinenkosten pro Stück.
Schritt 5: Fertigungsgemeinkostenzuschlag aufschlagen
Berechnen Sie den Fertigungsgemeinkostenzuschlag als Prozentsatz auf die Zuschlagsgrundlage, im Beispiel die Fertigungslöhne. Der Zuschlag deckt die Fertigungsgemeinkosten ab, die nicht bereits über den Maschinenstundensatz verrechnet sind – die Restgemeinkosten. Addieren Sie Materialkosten, Fertigungslöhne, Maschinenkosten und Zuschlag. Das Ergebnis sind die Herstellkosten pro Stück.
Schritt 6: Selbstkosten und Angebotspreis bilden
Schlagen Sie auf die Herstellkosten den Vertriebs- und Verwaltungsgemeinkostenzuschlag auf; das Ergebnis sind die Selbstkosten. Schlagen Sie darauf den kalkulatorischen Gewinn auf. Das Ergebnis ist der Netto-Angebotspreis pro Stück.
Woher kommen die Zuschlagssätze?
Die Zuschlagssätze sind keine Willkürwerte. Sie ergeben sich aus der Kostenrechnung: Sie nehmen die Gemeinkosten des Vorjahres, ordnen sie den Kostenträgern zu und teilen sie durch die Zuschlagsgrundlage. Der Fertigungsgemeinkostenzuschlag bezieht sich auf die Fertigungslöhne, wenn die Gemeinkosten vor allem vom Personalanfall getrieben sind, oder auf die direkten Kosten, wenn beide zusammenwirken. Maschinenkosten verrechnen Sie nicht als Prozentzuschlag auf Maschinenstunden, sondern über den Maschinenstundensatz in Euro pro Stunde: maschinenabhängige Gemeinkosten geteilt durch Maschinenlaufzeit.
Die Zuschlagsgrundlage wählen Sie so, dass sie dem Kostenverlauf folgt. Wechseln Sie die Grundlage nicht willkürlich, weil sich dann die Zuschlagssätze und damit die Kalkulationen verschieben. Prüfen Sie die Sätze regelmäßig, etwa einmal im Jahr, und passen Sie sie an, wenn sich das Kostenbild ändert.
Ein Rechenbeispiel
Beispielrechnung mit fiktiven Zahlen für ein Gehäuse:
| Kostenbestandteil | Berechnung | Betrag |
|---|---|---|
| Materialeinzelkosten (Stückliste) | 2,0 kg × 5,00 € | 10,00 € |
| Materialgemeinkosten (10 % auf Materialeinzelkosten) | 10 % × 10,00 € | 1,00 € |
| Materialkosten | 10,00 + 1,00 | 11,00 € |
| Direkte Fertigungslöhne | 0,75 h × 40,00 €/h | 30,00 € |
| Maschinenkosten | 0,50 h × 20,00 €/h | 10,00 € |
| Fertigungsgemeinkostenzuschlag (40 % auf Löhne, deckt die Restgemeinkosten ab) | 40 % × 30,00 € | 12,00 € |
| Herstellkosten | 11,00 + 30,00 + 10,00 + 12,00 | 63,00 € |
| Vertriebs- und Verwaltungsgemeinkosten (15 % auf Herstellkosten) | 15 % × 63,00 € | 9,45 € |
| Selbstkosten | 63,00 + 9,45 | 72,45 € |
| Kalkulatorischer Gewinn (20 % auf Selbstkosten) | 20 % × 72,45 € | 14,49 € |
| Netto-Angebotspreis | 72,45 + 14,49 | 86,94 € |
Der Maschinenstundensatz von 20,00 Euro pro Stunde ergibt sich in der Beispielrechnung aus maschinenabhängigen Gemeinkosten von 32.000 Euro pro Jahr und einer Jahreslaufzeit von 1.600 Stunden.
In der Beispielrechnung ist die Zuschlagsgrundlage des Fertigungsgemeinkostenzuschlags die Fertigungslöhne. Wäre die Maschine der Kostenstreitpunkt, würde ihr Kostenanteil über den Maschinenstundensatz in Euro pro Stunde verrechnet, nicht über einen Prozentzuschlag.
Die Vorkalkulation dient dazu, vor der Auftragserteilung zu prüfen, ob der Auftrag zum kalkulierten Preis wirtschaftlich ist.
So prüfen Sie das Ergebnis
- Addieren Sie die Positionen der Stückliste neu und vergleichen Sie die Summe mit den Materialeinzelkosten.
- Prüfen Sie, ob die Zuschlagsgrundlagen konsistent sind: Der Fertigungsgemeinkostenzuschlag bezieht sich auf die Fertigungslöhne, der Vertriebs- und Verwaltungsgemeinkostenzuschlag auf die Herstellkosten.
- Stellen Sie sicher, dass der Fertigungsgemeinkostenzuschlag die separat verrechneten Maschinenkosten nicht erneut enthält.
- Vergleichen Sie den Netto-Angebotspreis mit den Selbstkosten: Die Differenz ist der kalkulatorische Gewinn.
- Prüfen Sie, ob sich die Zuschlagssätze seit der letzten Kalkulation geändert haben.
- Vergleichen Sie die geplante Jahreslaufzeit der Maschine mit den tatsächlichen Betriebsstunden des Vorjahres; weichen sie deutlich ab, passt der Maschinenstundensatz nicht mehr.
Wenn etwas nicht klappt
Die folgenden Fehler zeigen sich in der Kalkulation, bevor der Auftrag vergeben wird.
| Symptom | Ursache | Abhilfe |
|---|---|---|
| Materialkosten weichen von der Rechnung ab | Menge oder Preis in der Stückliste veraltet | Stückliste mit dem Einkauf abgleichen |
| Fertigungslöhne zu niedrig | Vorgabezeit enthält keine Verteilzeiten | Vorgabezeit mit der Arbeitsvorbereitung prüfen |
| Maschinenstundensatz springt | Jahreslaufzeit zu niedrig angesetzt | Laufzeit mit der Kapazitätsplanung abgleichen |
| Angebotspreis deckt die tatsächlichen Kosten nicht | Zuschlagssätze zu niedrig angesetzt | Gemeinkosten- und Gewinnanteile neu festlegen |
Wann Sie Hilfe holen sollten
Wenn die Zuschlagssätze, der Lohnkostensatz oder die Verteilzeitzuschläge im Betrieb neu festgelegt werden, lohnt sich die Unterstützung durch die Arbeitsvorbereitung oder das Controlling.