DE · AT · CHGlossar

WMS (Lagerverwaltungssystem)

Aktualisiert:

Gilt für: Lager von Handels- und Fertigungsbetrieben in Deutschland, Österreich und der Schweiz; ohne Produkt- und Versionsbindung.

Kurz gesagt

Ein WMS (Lagerverwaltungssystem) ist nach VDI 3601 die Systemschicht, die im Lager Mengen und Lagerplätze führt, Fördermittel disponiert und die Systemzustände kontrolliert (Ausgabe September 2015). Für Deutschland, Österreich und die Schweiz gilt dieselbe Einordnung: Führt das ERP-Lagermodell den Bestand je Lagerplatz, bleibt diese Aufgabe dort; die übrigen Kernfunktionen aus Abschnitt 6 prüfen Sie einzeln.

Das Wichtigste

  • Ein WMS führt Mengen und Lagerplätze, disponiert Fördermittel und kontrolliert Systemzustände (VDI 3601, Anwendungsbereich).
  • Die Einlagerung umfasst nach VDI 3601 die Lagerplatzfindung, den Transport zum Platz und die Prüfung der Lagerplatzkoordinaten (Abschnitt 2).
  • Wellenkommissionierung gibt Aufträge eines gemeinsamen Ziels gleichzeitig in mehreren Lagerbereichen frei (de Koster et al. 2007, Abschnitt 2.2).
  • Kernfunktionen nach VDI 3601 sind Lagerstruktur, Stammdaten, Bestand, Transport, Wareneingang, lagerinterne Prozesse und Warenausgang (Abschnitt 6).
  • Vorschlag dieses Artikels für ein Haus mit getrenntem ERP und WMS: Den Scan eines Handhelds bucht die Schicht, die den Bestand je Lagerplatz führt. VDI 3601 rechnet Clients zur technischen Umgebung und verweist für deren Begriffe auf ISO/IEC 2382 (Abschnitt 1).
  • VDI-Richtlinien sind zur freiwilligen Anwendung gemacht; verbindlich werden ihre Festlegungen, wenn eine Rechtsvorschrift oder ein Vertrag auf sie verweist, und ihre Verbindlichkeit nimmt zu, soweit die Richtlinie als allgemein anerkannte Regel der Technik gilt (VDI, FAQ zu den VDI-Richtlinien).

Ein WMS (Warehouse-Management-System, deutsch Lagerverwaltungssystem) ist die Softwareschicht zwischen dem ERP und der Anlage: Sie führt den Bestand je Lagerplatz und leitet daraus die Lageraufträge ab. VDI 3601 beschreibt in Abschnitt 1 die Aufgaben- und Leistungsbereiche, die ein IT-System als WMS kennzeichnen, und ordnet es in Abschnitt 4 in eine Systemlandschaft mit ERP, Materialflusssteuerungssystem und speicherprogrammierbarer Steuerung ein.

Wozu es dient

Ein WMS beantwortet die Frage, die eine nur bestandsführende Warenwirtschaft offen lässt: Wo liegt welche Menge, und wer darf sie zuerst entnehmen? Es führt Mengen je Lagerplatz und bildet daraus die Aufträge für Einlagerung und Kommissionierung. VDI 3601 zählt in Abschnitt 6 Lagerstruktur, Stammdatenverwaltung, Bestandsverwaltung, Transportverwaltung, Wareneingang, lagerinterne Prozesse und Warenausgang zu den Kernfunktionen; Abschnitt 7 führt Zusatzfunktionen wie Chargen, Seriennummern und Mindesthaltbarkeitsdaten. Der Anwendungsbereich verlangt dafür, dass die untergeordneten Systemschichten Durchsatz, Datenqualität und Datenstabilität in dem Maß liefern, das das WMS zur Aufgabenerfüllung braucht (Abschnitt 1).

Wo die Grenze zum ERP verläuft

Die Tabelle ist der Vorschlag dieses Artikels für ein Haus, das ERP und WMS getrennt betreibt; sie gibt keine Aufzählung aus VDI 3601 wieder. Belegt ist in der WMS-Spalte nur, was die genannten Stellen sagen.

Aufgabe Vorschlag: ERP-Ebene Vorschlag: WMS-Ebene
Lagerplatz Bestand je Lager und Lagerort, Verfügbarkeit für den Auftrag Mengen- und Lagerplatzverwaltung: Bestand je Lagerplatz (VDI 3601, Abschnitt 1)
Einlagerung Annahme und Buchung der Lieferung aus Bestellung und Anlieferung Lagerplatzfindung, Transport zum Platz und Prüfung der Platzkoordinaten (VDI 3601, Abschnitt 2, Begriff Einlagerung)
Wellenkommissionierung Aufträge mit Liefertermin und Reihenfolge Aufträge eines gemeinsamen Ziels werden gleichzeitig in mehreren Lagerbereichen freigegeben (de Koster et al. 2007, Abschnitt 2.2)
Handheld (mobile Datenerfassung) Bucht den Scan, wenn die Platzführung im ERP liegt; das Gerät ist Client dieser Schicht Bucht den Scan, wenn die Platzführung im WMS liegt; das Gerät ist Client dieser Schicht. Die Zuordnung in beiden Spalten ist der Vorschlag dieses Artikels

Welche Seite einen Scan bucht, entscheidet nach der Tabelle dieses Artikels nicht das Gerät, sondern die Zeile Lagerplatz. Ob Ihr Lager ein eigenes WMS braucht, prüfen Sie mit den Kriterien in ERP-Lagermodul oder eigenes WMS; welche Geräte einen Scan in eine Buchung überführen, steht in Handscanner und mobile Datenerfassung.

Ein Beispiel

Beispielrechnung mit erfundenen Zahlen: Ein Händler führt 120 Stück eines Artikels. Das ERP zeigt 120 Stück im Hauptlager und den Einstandswert, das WMS zeigt 40 Stück auf Platz 04-12-A, 60 auf Platz 07-03-C und 20 auf dem Nachschubplatz. Eine Kommissionierwelle für die Abfahrt um 9:00 Uhr fasst 30 Aufträge mit zusammen 18 Stück zusammen, alle aus Platz 07-03-C. Angenommen, die Entnahme bucht die 18 Stück auf einen Kommissionierplatz um und der Warenausgang wird erst beim Versand gebucht: Dann führt das WMS auf Platz 07-03-C 60 − 18 = 42 Stück und auf dem Kommissionierplatz 18 Stück; den Gesamtbestand von 120 Stück bucht es erst mit dem Warenausgang auf 120 − 18 = 102 Stück herunter. Bis dahin liegt die entnommene Ware noch im Haus (VDI 3601, Abschnitt 2, Begriff Warenausgang; Bartholdi/Hackman, Abschnitte 3.4 und 3.5).

Normative Grundlage

VDI 3601 Warehouse-Management-Systeme (Ausgabe September 2015) definiert die Begriffe der Lagerverwaltung — unter anderem die Einlagerung als Buchungsprozess von Wareneingang auf Lagerplatz, der die Lagerplatzfindung, den Transport zum Lagerplatz und die Überprüfung der Lagerplatzkoordinaten umfasst — und beschreibt das administrative und funktionale Umfeld sowie die Integration in über- und untergeordnete IT-Systeme (Abschnitte 1 und 2). Für die Kommissionierung beschreibt die VDI 3590 Blatt 1 (Ausgabe April 1994) die Grundlagen; nach ihrem Kurzreferat definiert sie den Kommissioniervorgang und das Kommissioniersystem als Ganzes. Beide Regelwerke binden nicht von Gesetzes wegen: Technische Regeln sind zur freiwilligen Anwendung gemacht; verbindlich werden ihre Festlegungen, wenn eine Rechtsvorschrift oder ein Vertrag auf sie verweist, und ihre Verbindlichkeit nimmt zu, soweit sie als allgemein anerkannte Regel der Technik gelten (VDI, FAQ zu den VDI-Richtlinien).

Nicht zu verwechseln

  • ERP-Lagermodul: führt den Bestand je Lager und Standort; liegt auch die Platzführung dort, ist nach der Tabelle dieses Artikels das ERP die buchende Schicht.
  • Materialflusssteuerung (MFS) und speicherprogrammierbare Steuerung (SPS): sie steuern den Materialfluss und die Anlagen; VDI 3601 führt sie in Abschnitt 4 neben dem WMS in der Systemlandschaft (Abschnitte 4.2 und 4.3).
  • Kommissionierung: die Tätigkeit des Zusammenstellens; welche Verfahren dazu passen, zeigt Kommissionierung.

Häufige Fragen

Kann mein ERP die Aufgaben eines WMS übernehmen?

Das hängt an der Platzführung und an den übrigen Kernfunktionen. Führt das ERP-Lagermodul den Bestand je Lagerplatz und rechnet es die Lagerplatzfindung, ist die Platzverwaltung abgedeckt. VDI 3601 nennt in Abschnitt 6 als Kernfunktionen zusätzlich Lagerstruktur, Stammdatenverwaltung, Bestandsverwaltung, Transportverwaltung, Wareneingang, lagerinterne Prozesse und Warenausgang; prüfen Sie Ihr ERP-Lagermodul Funktion für Funktion. Verlangt der Betrieb zusätzlich die Ansteuerung von Fördertechnik, führt VDI 3601 in Abschnitt 4.2 eine eigene Schicht Materialflusssteuerungssystem.

Wer führt den Bestand, wenn WMS und Buchhaltung unterschiedliche Zahlen zeigen?

Legen Sie vor dem Betrieb schriftlich fest, welches System den Bestand führt und welches ihn nur liest. Führt das WMS den Bestand je Lagerplatz und die Buchhaltung den Wert je Lager, entstehen ohne festgelegte Richtung und ohne Abgleich zwei Zahlen, die auseinanderlaufen. Prüfen Sie den Abgleich in festen Abständen, nicht erst zur Inventur.

Muss ich nach VDI 3601 arbeiten?

Nein. Technische Regeln sind zur freiwilligen Anwendung gemacht. Verbindlich werden ihre Festlegungen, wenn eine Rechtsvorschrift oder ein Vertrag auf die Richtlinie verweist; soweit eine VDI-Richtlinie als allgemein anerkannte Regel der Technik gilt, nimmt ihre Verbindlichkeit zu (VDI, FAQ zu den VDI-Richtlinien). VDI 3601 beschreibt, welche Aufgaben- und Leistungsbereiche ein IT-System als WMS kennzeichnen, und eignet sich damit als Prüfliste für Ihr Lastenheft.

Quellen

  1. VDI 3601: Warehouse-Management-Systeme, Ausgabe September 2015 (Erscheinungsdatum 2015-09, 40 Seiten; Detailseite mit Kurzreferat; Volltext kostenpflichtig und nicht gelesen)VDI Verein Deutscher Ingenieure e. V., VDI-Gesellschaft Produktion und Logistik · abgerufen am
  2. VDI 3601: Warehouse-Management-Systeme, öffentlicher Auszug: Inhaltsverzeichnis (Abschnitt 4 Einordnung des WMS in die Systemlandschaft mit 4.1 ERP, 4.2 Materialflusssteuerungssystem, 4.3 speicherprogrammierbare Steuerung; Abschnitt 6 Kernfunktionen; Abschnitt 7 Zusatzfunktionen), Vorbemerkung, Abschnitt 1 Anwendungsbereich und Abschnitt 2 Begriffe (Seiten 1 bis 3 als PDF)VDI Verein Deutscher Ingenieure e. V. · abgerufen am
  3. VDI 3590 Blatt 1: Kommissioniersysteme; Grundlagen, Ausgabe April 1994 (Erscheinungsdatum 1994-04, 7 Seiten; Verlags-Detailseite mit Kurzreferat: das Dokument definiert den Kommissioniervorgang und das Kommissioniersystem als Ganzes; Volltext kostenpflichtig und nicht gelesen)VDI Verein Deutscher Ingenieure e. V., VDI-Gesellschaft Produktion und Logistik · abgerufen am
  4. de Koster, R.; Le-Duc, T.; Roodbergen, K. J.: Design and control of warehouse order picking: A literature review, European Journal of Operational Research 182 (2007), Heft 2, Seiten 481 bis 501, Abschnitt 2.2 (Begriff wave picking: Aufträge eines gemeinsamen Ziels werden gleichzeitig in mehreren Lagerbereichen freigegeben); offene Kopie im Repositorium der Erasmus Universität RotterdamElsevier B.V.; Erasmus University Rotterdam (pure.eur.nl) · abgerufen am
  5. Bartholdi, J. J.; Hackman, S. T.: Warehouse & Distribution Science, Release 0.98.1 (Stand 16. August 2019), Kapitel 3 Warehouse operations: Ablauf Receive, Put-away, Storage, Pick, Pack und ship; Abschnitt 3.4 Checking and packing und Abschnitt 3.5 Shipping (frei kopierbare Ausgabe für Lehrzwecke)The Supply Chain & Logistics Institute, Georgia Institute of Technology · abgerufen am
  6. FAQ „Sind VDI-Richtlinien verbindlich anzuwenden?“ und „Welche rechtliche Bedeutung haben VDI-Richtlinien?“ (technische Regeln sind zur freiwilligen Anwendung gemacht; höhere rechtliche Verbindlichkeit durch Verweise in Rechtsdokumenten, also Gesetzen, Verordnungen und Verträgen; zunehmende Verbindlichkeit, soweit die Richtlinie als allgemein anerkannte Regel der Technik gilt)VDI Verein Deutscher Ingenieure e. V. · abgerufen am