IATF 16949 und ERP: Rückverfolgung, Änderungsstände, PPAP
Kurz gesagt
Die IATF 16949:2016 gilt seit 1. Januar 2017 und bindet nicht von Gesetzes wegen, sondern über die Zertifizierung und die kundenspezifischen Anforderungen im Liefervertrag. Welche Nachweise daraus folgen, steht in den CSR des jeweiligen Kunden; die Quellen verlangen Nachweise und Prozesse der Organisation, keine bestimmte Führung im ERP. Als empfohlenes Datenmodell führt das ERP deshalb je Teil und Änderungsstand drei Objekte: Lose mit Verknüpfung bis zum Vorlieferantenlos, den Konstruktionsänderungsstand an Zeichnung, Stückliste und Produktionslenkungsplan sowie die Erstbemusterung mit der Kundenentscheidung.
Das Wichtigste
- IATF 16949:2016 erschien im Oktober 2016, gilt seit 1. Januar 2017 und ersetzt ISO/TS 16949:2009.
- Verbindlich wird der Standard über Zertifizierung, Liefervertrag und kundenspezifische Anforderungen (CSR).
- Ford verlangt Losverfolgbarkeit über die Wertschöpfungskette, bei Teilen mit umgekehrtem Delta auch für fremdvergebene Komponenten (CSR ab 15. Juni 2026).
- Ford verlangt Prüfdaten mit Ist-Werten mindestens zwei Jahre in einem wiederherstellbaren Format.
- Der Produktionslenkungsplan enthält Ausgabe- und Änderungsdatum, soweit vorhanden, und den Konstruktionsänderungsstand (Anhang A.2, SI 25).
- Ford und GM verlangen PPAP nach dem AIAG-Handbuch, VW lässt die Bemusterung nach VDA Band 2 prüfen.
Prüfmaßstab sind die Nachweise: Lässt sich eine ausgelieferte Lieferung bis zum Los des Vorlieferanten zurückrechnen, und lag für genau diesen Änderungsstand eine Freigabe vor? Los, Änderungsstand und Erstbemusterung hängen an derselben Datenkette. Wer sie in getrennten Listen pflegt, findet im Reklamationsfall die Verbindung nicht mehr.
Woher die Anforderungen kommen
Die IATF 16949:2016 ist im Oktober 2016 als erste Ausgabe erschienen und seit 1. Januar 2017 anzuwenden; sie hebt ISO/TS 16949:2009 auf und ersetzt sie. Nach dem Vorwort, das die Sanktionierte Interpretation 27 wiedergibt, ist sie kein eigenständiger Standard, sondern eine Ergänzung zu ISO 9001:2015, die nur in Verbindung mit dieser gilt. Ein Rechtsakt ist sie nicht; verbindlich wird sie über die Zertifizierung und über die kundenspezifischen Anforderungen (Customer-Specific Requirements, CSR), die der Kunde in den Liefervertrag aufnimmt.
Die IATF führt die CSR ihrer Mitglieder in einem öffentlichen Verzeichnis, zusammen mit den Mindestanforderungen für Unterlieferanten. Änderungen der Auslegung kommen über Sanktionierte Interpretationen; die Nummern 27 bis 30 wurden im November 2025 veröffentlicht und sind ab November 2025 anzuwenden. Prüfen Sie deshalb vor jeder Übernahme in Ihre Prozesse, welche Fassung gilt. Wie die Anforderungen insgesamt auf ein ERP wirken, steht im Beitrag ERP für Automobilzulieferer.
Worauf es bei der Rückverfolgbarkeit ankommt
Die Klausel 8.5.2 (Identification and traceability) verlangt Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit; welchen Umfang sie hat, legt der Kunde fest. Ford verlangt in seinen CSR, gültig ab 15. Juni 2026, Losverfolgbarkeit über die gesamte Wertschöpfungskette und, um den Q1-Status zu erreichen und zu halten, die Stufe A des Bewertungswerkzeugs MMOG/LE. Nach dem Wortlaut derselben CSR schließt die Losverfolgbarkeit fremdvergebene Komponenten einer Baugruppe oder eines Moduls ein, die einer Anforderung mit dem umgekehrten Delta zugeordnet sind; das umgekehrte Delta kennzeichnet dort Teile mit kritischen Merkmalen. Ob Ihr Teil darunter fällt, entscheidet also die Kennzeichnung, die Ihr Kunde vorgibt.
Die zweite Hälfte der Kette steht in FAQ 9 der IATF, Fassung Juni 2026, zu den Klauseln 8.4.2.2 und 8.6.5: Die Nachweise des Lieferanten müssen Chargencode, Chargennummer oder vergleichbare Rückverfolgbarkeitsangaben abdecken, geprüft vor der Freigabe des Produkts und der Aufnahme in den Produktionsablauf. Im ERP heißt das: Das Los aus dem Wareneingang wird nicht nur gebucht, sondern mit dem Fertigungsauftrag und der Lieferung verbunden.
Welche Datensätze die Anforderungen im ERP brauchen
Die drei Tabellen ordnen jeder Anforderung den Datensatz zu, mit dem sie sich belegen lässt, und den Prüfschritt, mit dem Sie ihn nachweisen. Die Quellen verlangen Nachweise und Prozesse der Organisation, keine bestimmte Führung im ERP: Die Spalte Datensatz ist ein redaktioneller Vorschlag. Verbindlich ist die Anforderung in den ersten beiden Spalten, und die gilt in dem Umfang, den die CSR Ihrer Kunden festlegen.
Rückverfolgbarkeit
| Anforderung | Was die Quelle verlangt | Datensatz im ERP | Prüfschritt |
|---|---|---|---|
| Klausel 8.5.2 mit Kunden-CSR (Beispiel Ford, gültig 15. Juni 2026) | Losverfolgbarkeit über die ganze Wertschöpfungskette; fremdvergebene Komponenten sind einbezogen, wenn sie einer Anforderung mit umgekehrtem Delta zugeordnet sind | Losstamm je Fertigungsauftrag mit Verbrauchsliste der Vorlieferantenlose | Von einer Lieferung rückwärts alle verbrauchten Lose und vorwärts alle belieferten Kunden auflisten |
| Klauseln 8.4.2.2 und 8.6.5, IATF-FAQ 9 (Juni 2026) | Lieferantennachweise müssen die Chargen- oder Losnummer abdecken, geprüft vor Aufnahme in den Produktionsablauf | Wareneingangsposition mit Lieferantenlos, Sperrstatus und Prüfvermerk | Eine Charge ohne Prüfvermerk muss gesperrt sein und darf keinen Fertigungsauftrag beliefern |
| Klausel 8.6.2 mit Kunden-CSR (Ford und GM) | Jährliche Maßprüfung aller Maße an mindestens 5 Teilen; bei Mehrfachwerkzeugen mindestens ein Teil je Kavität, Werkzeug oder Zentrum, insgesamt aber mindestens 5 Teile | Prüfprotokoll mit Ist-Werten, Datum, Prüfmittel und Bezug zum Änderungsstand | Das Protokoll des letzten Jahres finden und dem Stand zuordnen, der damals galt |
Ford und GM verlangen die Maßprüfung jährlich und formulieren die Stichprobe übereinstimmend: Bei Werkzeugen mit mehreren Kavitäten, Werkzeugen oder Zentren ist mindestens ein Teil je Kavität, Werkzeug oder Zentrum zu prüfen, insgesamt aber mindestens fünf Teile. Fünf Teile aus derselben Kavität erfüllen die Anforderung also nicht. Ford verlangt die Messwerte im APQP/PPAP Evidence Workbook dokumentiert, GM bewahrt die Ergebnisse für die Laufzeit des Programms auf.
Änderungsstand
| Anforderung | Was die Quelle verlangt | Datensatz im ERP | Prüfschritt |
|---|---|---|---|
| Anhang A, Abschnitt A.2 (SI 25, November 2025) | Der Produktionslenkungsplan enthält Ausgabe- und Änderungsdatum, soweit vorhanden, und den Konstruktionsänderungsstand | Lenkungsplan-Version je Artikel und Arbeitsgang, verknüpft mit Zeichnungs- und Stücklistenstand | Für eine Auslieferung den Lenkungsplan zeigen, der am Fertigungstag galt |
| Klausel 8.5.6.1 mit Kunden-CSR (Beispiele GM 2025, Renault 2026, VW 2022) | GM: der dokumentierte Prozess muss für jede Produkt- und Prozessänderung einen Produktionsversuch in Betracht ziehen, vorgeschrieben ist also die Prüfung, nicht die Durchführung; die Ergebnisse eines durchgeführten Versuchs sind zu dokumentieren; Renault: Anzeige jeder geplanten Änderung über Formulare; VW: dokumentierte Freigabe oder Verzichtserklärung vor der Produktion | Änderungsauftrag mit betroffenen Artikeln, offenen Aufträgen, Kundenfreigabe und Wirksamkeitsdatum | Nach einer Änderung prüfen, welche offenen Aufträge noch den alten Stand tragen |
| Klausel 8.5.6.1.1 (SI 11) | Liste der Produktionsprozesslenkungsmaßnahmen mit den freigegebenen Backup- oder Alternativmethoden, soweit solche bestehen | Arbeitsplan-Version mit Kennzeichen für alternative und Backup-Methoden | Für einen Arbeitsgang nachweisen, welche Alternativmethode freigegeben ist und ab wann sie gilt |
Erstbemusterung
| Anforderung | Was die Quelle verlangt | Datensatz im ERP | Prüfschritt |
|---|---|---|---|
| Klausel 8.3.4.4 mit Kunden-CSR (Ford: AIAG PPAP; Renault: PSW-Paket; VW: VDA Band 2, ergänzt durch Formel-Q-konkret) | Freigabe des Produkts vor Serienlieferung nach dem Verfahren des Kunden | Freigabeobjekt je Teil und Änderungsstand: Art, Umfang, Datum, vorgelegte Unterlagen, PSW-Nummer, Kundenentscheidung | Zu einem Artikel zwei Stände zeigen und für jeden die Entscheidung des Kunden belegen |
| Ford-PPAP-Spezifika, gültig 15. Juni 2026, Abschnitt Anwendbarkeit | PPAP unter anderem für neue Werkzeugteile, Konstruktionsänderungen, Wechsel des Lieferbetriebs, Prozessänderung nach erteilter Freigabe und erhöhte Kapazität | Auslöser im Änderungsauftrag: Kennzeichen, ob eine Erstbemusterung nötig ist | Eine Prozessänderung buchen und prüfen, ob das System die Bemusterung anfordert |
| Ford-PPAP-Spezifika, Abschnitt 5.2.2 (Zwischenfreigabe) | Zwischenfreigabe nur mit genehmigter Abweichung; sie ist die Versandberechtigung | Abweichungsdatensatz mit Gültigkeit, Menge und Bezug zur Lieferung | Nach Ablauf der Zwischenfreigabe muss der Versand sperren |
Die VW-CSR verlangen die Erstbemusterung auf der Grundlage von VDA Band 2 und verweisen für weitere Einzelheiten auf Formel-Q-konkret; eine Ausgabe des Bandes nennen sie nicht. Der VDA-QMC-Webshop führt Band 2 am 17. Oktober 2026 in 7., überarbeiteter Ausgabe September 2026. Das ist der Verlagsstand der Publikation und sagt nichts darüber, welche Ausgabe Ihr Kunde vertraglich in Bezug nimmt; klären Sie das im Bemusterungsverfahren und halten Sie es im Freigabeobjekt fest.
Ein Beispiel: eine Lieferung, vier Vorlieferantenlose
Beispielrechnung mit erfundenen Zahlen: Ein Zulieferer fertigt Teil 4711 im Änderungsstand C und liefert 12.000 Stück in zwei Sendungen. Der Fertigungsauftrag hat vier Stahllose des Vorlieferanten verbraucht, mit 4.000, 3.500, 2.500 und 2.000 Stück. Die erste Sendung umfasst 7.000 Stück am 8. Oktober 2026, die zweite 5.000 Stück am 12. Oktober 2026.
Die Rückwärtsabfrage muss vier Lose und zwei Lieferungen nennen. Die Kontrollrechnung läuft über die Mengen: 4.000 + 3.500 + 2.500 + 2.000 = 12.000 Stück gefertigt, 7.000 + 5.000 = 12.000 Stück versandt. Weicht eine der beiden Summen ab, ist die Verknüpfung unvollständig, und die Aussage „welche Lieferung enthält Teile aus Los 3“ ist nicht belegbar. Prüfen Sie zusätzlich den Änderungsstand: Für Stand C muss eine Freigabe des Kunden vor dem 8. Oktober 2026 vorliegen, sonst ist die erste Sendung ohne gültige Grundlage versandt.
- Lieferung und Packstück öffnenLieferschein- und Packstücknummer aus dem Versand
- Fertigungsauftrag und Los zuordnen
- Verbrauchsliste der Vorlieferantenlose lesen
- Wareneingang und Lieferantennachweis prüfen
- Änderungsstand und Freigabe des Kunden belegen
Reihenfolge und Datensätze sind ein Vorschlag, keine Vorgabe der IATF.
Quelle: Redaktionelles Beispiel
Wie lange die Nachweise lesbar bleiben müssen
Zwei Fristen laufen nebeneinander. Die Kundenfrist steht in den CSR: Ford verlangt Prozesslenkungs- und Prüfdaten mit Ist-Werten mindestens zwei Jahre in einem wiederherstellbaren Format, dazu die abschließende APQP/PPAP-Bereitschaftsbewertung (Schedule A) für die Lebensdauer des Teils in Produktion und Service plus ein Jahr. Für variable Merkmale genügen einfache Bestanden-Nichtbestanden-Vermerke nicht. Ford hält zugleich fest, dass diese Fristen keine gesetzlichen Vorgaben ersetzen.
Die gesetzlichen Fristen regeln Bücher, Buchungsbelege und Handelsbriefe: In Deutschland sind Bücher und Aufzeichnungen zehn Jahre, Buchungsbelege acht Jahre und die übrigen Unterlagen sechs Jahre aufzubewahren (§ 257 Abs. 4 HGB, § 147 Abs. 3 AO), in Österreich sieben Jahre (§ 212 Abs. 1 UGB), in der Schweiz zehn Jahre (Art. 958f Abs. 1 OR); die Frist beginnt mit dem Schluss des Kalender- oder Geschäftsjahrs. Ob ein Prüfprotokoll zusätzlich als sonstige steuerlich bedeutsame Unterlage gilt, entscheidet der Einzelfall (§ 147 Abs. 1 Nr. 5 AO). Legen Sie je Datensatztyp die längste anwendbare Frist fest und prüfen Sie die Lesbarkeit, nicht nur die Existenz der Datei: Für Lieferabrufe und den Versandweg hilft Lieferabrufe und VDA-EDI.
Typische Fehler
- Die Rückverfolgbarkeit endet am Fertigungsauftrag. Fehlt das Vorlieferantenlos im Wareneingang, reicht die Aussage nur bis zur eigenen Halle, und die von Ford verlangte Kette ist nicht belegbar.
- Der Änderungsstand steht als Freitext am Artikel. Ohne Version an Zeichnung, Stückliste und Lenkungsplan lässt sich eine Lieferung keinem Stand zuordnen; für Versionen und Freigaben siehe Stücklistenänderungen.
- Offene Aufträge werden bei einer Änderung nicht gesperrt. Nach dem Wirksamkeitsdatum laufen Aufträge weiter, die noch den alten Stand tragen.
- Die Zwischenfreigabe hat kein Ablaufdatum im System. Nach Ablauf der Abweichung wird weiter geliefert, obwohl die Versandberechtigung fehlt.
- Prüfprotokolle tragen nur Pass/Fail. Bei variablen Merkmalen verlangt Ford die tatsächlichen Messwerte.
- Die Maßprüfung kommt aus einer Kavität. Bei Mehrfachwerkzeugen verlangen Ford und GM mindestens ein Teil je Kavität, Werkzeug oder Zentrum, insgesamt mindestens fünf; die Stichprobe muss diese Aufteilung im Prüfplan abbilden.
So gehen Sie vor
- Ziehen Sie je Kunde die Anforderungsliste aus den CSR und aus dem dort genannten Bemusterungsverfahren; notieren Sie Fassung und Gültigkeitsdatum.
- Legen Sie drei Objekte im System fest: Los mit Verknüpfung zum Vorlieferantenlos, Änderungsstand mit Zeichnungs-, Stücklisten- und Lenkungsplanversion, Freigabeobjekt mit Kundenentscheidung. Für Lose und Seriennummern helfen Chargenverwaltung einrichten und Seriennummern verwalten.
- Machen Sie den Rückwärtstest mit einem echten Los aus dem letzten Monat, nicht mit einem Testartikel.
- Bauen Sie die Sperren: kein Versand ohne gültige Freigabe für den ausgelieferten Stand, kein Verbrauch einer ungeprüften Charge. Die Bearbeitung eines Reklamationsfalls mit Losbezug beschreibt Reklamationen bearbeiten.
- Legen Sie je Datensatztyp die Aufbewahrungsfrist und das Format fest und prüfen Sie die Lesbarkeit nach dem ersten Jahr erneut.