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Pflichtenheft (Wie der Anbieter die Anforderungen umsetzt)

Aktualisiert:

Gilt für: Versionsunabhängig; gilt für die Beschaffung von Standard-ERP in Deutschland, Österreich und der Schweiz, ohne Bezug auf einen Hersteller

Kurz gesagt

Das Pflichtenheft ist nach dem V-Modell XT Bund das Produkt des Anbieters, das Lastenheft das des Auftraggebers: Der Anbieter hält fest, wie er die Anforderungen umsetzt; das Lastenheft sagt, was das System leisten soll. In der Schweiz nennt HERMES dagegen das Lastenheft des Auftraggebers Pflichtenheft. DIN 69901-5 und VDI/VDE 3694 sind Normen und binden nur über Vertrag oder Bezugnahme.

Das Wichtigste

  • Im V-Modell XT Bund ist das Pflichtenheft das Produkt des Auftragnehmers und das Lastenheft das des Auftraggebers.
  • Das Pflichtenheft übernimmt die Anforderungen und ergänzt Grobarchitektur, Schnittstellenübersicht und Abnahmekriterien (V-Modell XT Bund).
  • Das V-Modell XT Bund verlangt eine Anforderungsverfolgung zum Lastenheft und zu den Systemen.
  • Der Schweizer Bundesstandard HERMES nennt in den Ausschreibungsunterlagen das Lastenheft auch Pflichtenheft.
  • DIN 69901-5:2009-01 ist der Begriffsteil zum Projektmanagement; VDI/VDE 3694:2014-04 enthält einen Gliederungsvorschlag für Lasten- und Pflichtenhefte.
  • VDI/VDE 3694 ist für Automatisierungssysteme geschrieben und wird überarbeitet (mögliches Erscheinungsdatum April 2027).

Pflichtenheft ist in der Beschaffung das Gegenstück zum Lastenheft auf der Anbieterseite: Darin wird die Anforderungsliste des Auftraggebers in einen Entwurf des Gesamtsystems überführt (V-Modell XT Bund, Produkt „Pflichtenheft (Gesamtsystementwurf)“).

Wozu es dient

Das Pflichtenheft steht am Anfang der Systemerstellung und ist deren zentrales Ausgangsdokument; für die Suche und Bewertung von Fertigprodukten richtet sich die Marktsichtung daran aus. Welche Anforderungen der Standard eines geprüften Systems abdeckt, ordnet danach die Fit-Gap-Analyse ein.

Die Forderungen selbst bleiben beim Auftraggeber: Sein Lastenheft beschreibt den Bedarf, die Lieferbedingungen und die Abnahmekriterien. Der Gesamtsystementwurf nimmt diese Liste auf; die Anforderungsverfolgung führt die Anforderungen aus dem Lastenheft mit denen des Entwurfs und mit den Systemen zusammen, um sicherzustellen, dass alle Anforderungen berücksichtigt sind.

Lastenheft und Pflichtenheft im Vergleich

Die Gegenüberstellung folgt dem V-Modell XT Bund (Version 2.3 von 2019), dem Prozessmodell, das in der deutschen Bundesverwaltung für IT-Projekte genutzt wird; die Beispielanforderung F-210 darin ist erfunden.

Merkmal Lastenheft Pflichtenheft
Verfasser der Auftraggeber; im V-Modell XT Bund verantwortlich: der Anforderungsanalytiker der Auftraggeberseite der Auftragnehmer, in Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber (V-Modell XT Bund)
Inhalt alle verbindlich gestellten Anforderungen, Lieferbedingungen und Abnahmekriterien sowie eine Skizze der Gesamtsystemarchitektur; technische Lösungen soll es im Allgemeinen nicht vorgeben (V-Modell XT Bund) Gesamtsystementwurf: übernommene und aufbereitete Anforderungen, Grobarchitektur, Schnittstellenübersicht, konkretisierte Abnahmekriterien
Vertragliches Gewicht das V-Modell XT Bund führt es als Bestandteil des Produkts Vertrag und als wichtigste Vorgabe für die Angebotserstellung im V-Modell XT Bund als zentrales Ausgangsdokument der Systemerstellung geführt; nach der Enzyklopädie der Wirtschaftsinformatik kann es als Bestandteil eines Vertrags zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer dienen
Eine Anforderung durch beide F-210 (Priorität Muss, Beispiel): Das System muss jede Ausgangsrechnung mit dem Auftrag und dem Lieferschein verknüpfen, sodass sich die Belegkette aus der Rechnung öffnen lässt. F-210 wird übernommen, dem Modul Verkauf zugeordnet und um den Ablauf ergänzt, der den Auftragsbezug setzt; Abnahmekriterium und Verfolgbarkeit zu F-210 bleiben erhalten
Zeitpunkt im Projekt Grundlage der Ausschreibung und wichtigste Vorgabe für die Angebotserstellung zu einem frühen Zeitpunkt im Systementwicklungsprozess (V-Modell XT Bund)

An der Beispielzeile sehen Sie den Unterschied: Aus der Forderung („Belegkette aus der Rechnung öffnen“) wird im Pflichtenheft eine Aussage darüber, wo und wie das System sie erfüllt, samt dem Test, der die Erfüllung nachweist. Für die Zuordnung empfiehlt sich dieselbe Kennung in beiden Dokumenten; ebenso lassen sich Referenzen, Matrizen, Tabellen oder Graphen verwenden (IREB-Lehrplan Foundation Level, Abschnitt 6.6 Verfolgbarkeit). Ohne eine solche dokumentierte Zuordnung lässt sich später nicht nachvollziehen, wer was zugesagt hat. Wie Sie diese Zusagen einzeln abfragen, beschreibt Pflichtenheft des Anbieters prüfen; wie Anforderungen vorher sortiert werden, zeigt Anforderungen priorisieren.

Standardbasis und Verbindlichkeit

DIN 69901-5:2009-01 ist der Begriffsteil des DIN-Regelwerks zum Projektmanagement; DIN Media führt ihn mit Ausgabedatum Januar 2009 als aktuelle Ausgabe, und er ersetzt unter anderem die frühere Norm DIN 69905:1997-05. VDI/VDE 3694:2014-04 trägt den Titel „Lastenheft/Pflichtenheft für den Einsatz von Automatisierungssystemen“, ist für Automatisierungssysteme geschrieben und gibt nach dem veröffentlichten Kurzreferat einen Gliederungsvorschlag für Lasten- und Pflichtenhefte; der VDI führt eine Überarbeitung als Projekt mit möglichem Erscheinungsdatum April 2027. Beide Regelwerke sind kostenpflichtig und werden hier deshalb nur benannt.

Keines der beiden ist ein Gesetz. In Deutschland, Österreich und der Schweiz werden ihre Vorgaben erst verbindlich, wenn ein Vertrag, eine Regelung oder eine Weisung sie in Bezug nimmt. Für das Pflichtenheft heißt das: Ob es Vertragsbestandteil wird, entscheiden die Parteien; nach der Enzyklopädie der Wirtschaftsinformatik soll es als Bestandteil eines Vertrags dienen können und legt dann fest, was der Auftragnehmer zu liefern hat.

Der Ausdruck Pflichtenheft wird nicht einheitlich gebraucht. Das Glossar des International Requirements Engineering Board führt ihn als System-Anforderungsspezifikation und hält fest, dass eine System-Anforderungsspezifikation häufig als Synonym für eine Anforderungsspezifikation gilt; die Enzyklopädie der Wirtschaftsinformatik beschreibt ein Pflichtenheft als Dokument, das die Anforderungen festhält und das Was statt des Wie beschreiben soll. In der Schweiz verwendet der Bundesstandard HERMES den Ausdruck für das Lastenheft des Auftraggebers: Dort gehört „das Lastenheft (in der Schweiz auch Pflichtenheft genannt)“ zu den Ausschreibungsunterlagen. Die Tabelle oben folgt der Beschaffungslesart des V-Modell XT Bund; klären Sie in der Schweiz vorab, welches Dokument gemeint ist.

Nicht zu verwechseln mit

  • Lastenheft: die Forderungen des Auftraggebers, von ihm verantwortet und Grundlage der Ausschreibung; es geht dem Pflichtenheft voraus.
  • Systembeschreibung des Anbieters: beschreibt dessen Produkt; sie ersetzt den Gesamtsystementwurf für Ihren Betrieb nicht.
  • Fit-Gap-Analyse: stellt die Anforderungen dem Standard eines geprüften Systems gegenüber; sie bewertet den Abdeckungsgrad, nicht den Entwurf.
  • Customizing: die Einrichtung des gewählten Systems nach der Entscheidung; das Pflichtenheft beschreibt vorher, was dabei herauskommen soll.

Häufige Fragen

Wer schreibt das Pflichtenheft?

Nach dem V-Modell XT Bund erstellt es der Auftragnehmer in Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber. In der Schweiz verwendet der Bundesstandard HERMES denselben Ausdruck dagegen für das Lastenheft des Auftraggebers. Klären Sie deshalb vor dem Angebot, wer welches Dokument liefert und woran gemessen wird.

Ersetzt das Pflichtenheft das Lastenheft?

Nein. Das Lastenheft bleibt die Liste der Forderungen des Auftraggebers. Das Pflichtenheft nimmt diese Anforderungen auf, ordnet sie den Systemteilen zu und ergänzt die Grobarchitektur. Für die Verfolgbarkeit empfiehlt sich dieselbe Kennung in beiden Dokumenten und im Abnahmetest; Referenzen, Matrizen oder Tabellen leisten dasselbe (IREB-Lehrplan, Abschnitt 6.6).

Ist das Pflichtenheft rechtlich verbindlich?

Nur über die Vereinbarung. DIN 69901-5 und VDI/VDE 3694 sind Normen und kein Gesetz; verbindlich werden ihre Vorgaben erst, wenn ein Vertrag, eine Regelung oder eine Weisung sie in Bezug nimmt. Ob das Pflichtenheft Vertragsbestandteil wird, halten die Parteien im Vertrag fest.

Muss ich das Pflichtenheft des Anbieters prüfen?

Ja, Position für Position gegen Ihre Kennungen. Achten Sie auf Zusagen ohne Versions- und Modulangabe und auf Zeilen, die nur den Standard nennen, ohne zu sagen, was darin fehlt. Wie Sie Lücken dabei finden, zeigt der Artikel Pflichtenheft des Anbieters prüfen.

Quellen

  1. V-Modell XT Bund, Version 2.3, Kapitel C.1.10.1 Produkt Lastenheft (Anforderungen) und Kapitel C.1.11.1 Produkt Pflichtenheft (Gesamtsystementwurf), © 2019 Bundesrepublik DeutschlandInformationstechnikzentrum Bund (ITZBund) · abgerufen am
  2. Projektsteuerung mit V-Modell XT (Prozessmodell für IT-Projekte in der Bundesverwaltung)Informationstechnikzentrum Bund (ITZBund) · abgerufen am
  3. DIN 69901-5:2009-01, Projektmanagement – Projektmanagementsysteme – Teil 5: Begriffe (Status bei DIN Media: Norm [AKTUELL], Ausgabedatum Januar 2009, ersetzt unter anderem DIN 69905:1997-05; Normtext kostenpflichtig, nicht eingesehen)DIN Media GmbH, Berlin · abgerufen am
  4. VDI/VDE 3694:2014-04, Lastenheft/Pflichtenheft für den Einsatz von Automatisierungssystemen (Status bei DIN Media: Technische Regel [AKTUELL], Ausgabedatum April 2014, ersetzt VDI/VDE 3694:2008-01; Kurzreferat veröffentlicht einen Gliederungsvorschlag für Lasten- und Pflichtenhefte, Normtext kostenpflichtig, nicht eingesehen)DIN Media GmbH, Berlin · abgerufen am
  5. VDI/VDE 3694 – Projekt (Überarbeitung der Richtlinie; mögliches Erscheinungsdatum April 2027)VDI Verein Deutscher Ingenieure e.V. · abgerufen am
  6. Glossar der Requirements Engineering Terminologie, Version 2.2.0 vom 1. Oktober 2025 (Martin Glinz), Stichwörter Lastenheft und System-Anforderungsspezifikation, PflichtenheftInternational Requirements Engineering Board (IREB) e.V. · abgerufen am
  7. Lehrplan Foundation Level, Version 3.3.0 vom 1. April 2026, Abschnitt 6.6 Verfolgbarkeit (Seite 46: implizite und explizite Verfolgbarkeit, Darstellungsformen Hyperlinks, Referenzen, Matrizen, Tabellen oder Graphen)International Requirements Engineering Board (IREB) e.V. · abgerufen am
  8. Hilfe zur Anwendung: Ergebnis Ausschreibungsunterlagen (HERMES 2022 Projektmanagement, Bundeskanzlei BK, Digitale Transformation und IKT-Lenkung DTI)Schweizerische Bundeskanzlei, HERMES Online · abgerufen am
  9. Enzyklopädie der Wirtschaftsinformatik: Pflichtenheft (Thomas Myrach)Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik, Prozesse und Systeme, Universität Potsdam · abgerufen am