Rollen- und Rechtekonzept fürs ERP aufbauen
Kurz gesagt
Ein ERP-Rollenkonzept entsteht in drei Ebenen: erst Tätigkeitsprofile erfassen, dann daraus Rollen bilden, dann den Rollen Rechte zuordnen. Jede Rolle bündelt nur die Rechte, die für die Aufgabe nötig sind; Buchung und Stammdatenpflege trennen Sie von der operativen Erfassung. Personen bekommen eine Rolle, keine Einzelrechte – mit dokumentierten Ausnahmen wie dem einzeln vergebenen Bankdatenrecht. So bleibt die Rechtevergabe übersichtlich und prüfbar.
Das Wichtigste
- ORP.4.A15 (BSI, Edition 2023): fünf Prozesse – Richtlinien, Identitätsprofile, Benutzerkennungen, Berechtigungsprofile und Rollen verwalten; Rollen bündeln Aufgaben und Rechte.
- ORP.4.A2: Berechtigungen nur nach tatsächlichem Bedarf (Least Privilege, Need-to-know); bei personellen Veränderungen werden nicht mehr benötigte Rechte entfernt.
- ORP.4.A3: Kennungen, Gruppen und Rechteprofile dokumentieren und regelmäßig mit dem tatsächlichen Stand abgleichen; Umsetzungshinweis M3: mindestens alle sechs Monate.
- ORP.4.A4 und ORP.1.A4: unvereinbare Aufgaben wie operative und kontrollierende Funktionen durch das Berechtigungsmanagement auf verschiedene Personen trennen.
- Beispiel des gewählten Zuschnitts: Das ERP-Rollenkonzept umfasst Buchungsrechte und Stammdatenrechte, verteilt sie aber auf unterschiedliche Rollen; die Kassenrolle deckt den Kassenbetrieb ab.
Rechte im ERP werden schnell unübersichtlich, wenn sie einzeln an Personen vergeben werden: Jede neue Aufgabe erzeugt ein neues Recht, und niemand sieht mehr, wer was darf. Das Gegenmittel ist ein Rollenkonzept, das Rechte an Aufgaben bindet statt an Personen. Die folgende Anleitung führt vom Tätigkeitsprofil über die Rolle zum Recht und liefert eine Rollenmatrix für fünf typische Funktionen. Die Anforderungen stammen aus dem BSI-IT-Grundschutz (Kompendium Edition 2023 und Umsetzungshinweise zu ORP.4); das ist eine Methode des BSI, kein Gesetz – sie bindet nur, wo Gesetz, Vertrag oder eine eigene Regelung darauf verweist.
Was Sie vorab brauchen
- die Liste der Funktionen, die das ERP nutzen (Einkauf, Vertrieb, Lager, Buchhaltung, Key User)
- je Funktion die Tätigkeiten, die im System ausgeführt werden: was angelegt, gebucht, geändert und freigegeben wird
- eine Person, die den Rollenzuschnitt entscheidet (Fachverantwortliche)
- eine Person, die die Rollen technisch anlegt (IT-Betrieb)
- die Funktionstrennungen, die in Ihrem Betrieb gelten, also welche Rechtepaare nicht in eine Hand gehören
Ohne die Tätigkeitsliste werden Rollen nach der Menüstruktur des Systems geformt, nicht nach der Arbeit.
Schritt für Schritt: vom Tätigkeitsprofil zur Rolle zum Recht
Die sechs Schritte folgen der Reihenfolge, in der die Festlegungen voneinander abhängen.
Schritt 1: Tätigkeitsprofile erfassen
Führen Sie je Funktion alle Tätigkeiten im ERP auf. Nicht die Person, sondern die Tätigkeit: „Einkaufsorder anlegen”, „Wareneingang buchen”, „Eingangsrechnung buchen”, „Zahlung freigeben”, „Lieferantenstamm anlegen”, „Bankdaten ändern”. Ergebnis: eine Tätigkeitsliste je Funktion. Sie ist die Grundlage für alles Weitere; ohne sie entstehen Rollen aus der Systemlandschaft statt aus der Arbeit.
Schritt 2: Tätigkeiten zu Rollen gruppieren
Gruppieren Sie Tätigkeiten, die immer zusammen vorkommen, zu einer Rolle. Die Rolle trägt den Namen der Funktion, nicht den Namen einer Person: „Einkauf”, „Vertrieb”, „Lager”, „Buchhaltung”, „Key User”. Nach den BSI-Umsetzungshinweisen sollten Rollen modular und in sich geschlossen definiert sein, damit sie beliebig kombinierbar bleiben; der Rollenzuschnitt wird auf Ebene der Fachverantwortlichen abgestimmt. Ergebnis: eine kleine Zahl von Rollen, keine Liste von Einzelrechten.
Schritt 3: Rechten zuordnen
Ordnen Sie jeder Rolle nur die Rechte zu, die für ihre Tätigkeiten nötig sind (Prinzip der geringsten Berechtigungen). Trennen Sie dabei drei Gruppen: operative Rechte (anlegen, erfassen), Buchungsrechte (Buchung ins Hauptbuch) und Stammdatenrechte (Artikel, Kunden, Lieferanten anlegen und ändern). Wenden Sie die Funktionstrennung an: unvereinbare Aufgaben – etwa operative und kontrollierende Funktionen – trennen Sie auf verschiedene Personen (ORP.1.A4). Ergebnis: eine Rollenmatrix mit Häkchen.
Schritt 4: Personen zuordnen
Ordnen Sie jede Person einer Rolle zu, nicht einzelnen Rechten. Einzige Ausnahme in diesem Konzept: das Bankdatenrecht, das einzeln vergeben wird (siehe Rollenmatrix). Jede Person hat ein eigenes Konto; gemeinsame Konten gibt es nicht. Braucht eine Person eine zweite Rolle, etwa als Vertretung, wird die zweite Rolle zugewiesen; die Rechte der anderen Person werden nicht kopiert. Ergebnis: eine Zuordnungsliste Person–Rolle.
Schritt 5: Rechtekonzept dokumentieren
Dokumentieren Sie die Rollen, ihre Rechte und die Zuordnung Person–Rolle. Nach der BSI-Methode (ORP.4.A3) muss diese Dokumentation regelmäßig mit dem tatsächlichen Stand der Rechtevergabe abgeglichen werden; der BSI-Umsetzungshinweis M3 empfiehlt mindestens alle sechs Monate. Ergebnis: eine Rollenmatrix, die als Dokumentation dient.
Schritt 6: Prüfen und anpassen
Prüfen Sie das Konzept, wenn sich Tätigkeiten ändern, wenn Personal wechselt und zusätzlich einmal im Jahr. Entfernen Sie nicht mehr benötigte Rechte (ORP.4.A2). Ergebnis: eine aktuelle Rollenmatrix.
Rollenmatrix: Einkauf, Vertrieb, Lager, Buchhaltung, Key User
Die Matrix zeigt eine Ausgangszuordnung für fünf Funktionen. Die Spalten trennen operative Rechte, Buchungsrechte und Stammdatenrechte. Ein Häkchen bedeutet, dass die Rolle das Recht trägt; ein Strich, dass sie es nicht trägt.
| Rolle | Einkaufsorder anlegen | Wareneingang buchen | Eingangsrechnung buchen | Zahlung freigeben | Verkaufsorder anlegen | Lieferung buchen | Kundenstamm pflegen | Lieferantenstamm pflegen | Bankdaten ändern | Berichte lesen | System konfigurieren |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Einkauf | ✓ | – | – | – | – | – | – | ✓ | – | ✓ | – |
| Vertrieb | – | – | – | – | ✓ | – | ✓ | – | – | ✓ | – |
| Lager | – | ✓ | – | – | – | ✓ | – | – | – | ✓ | – |
| Buchhaltung | – | – | ✓ | ✓ | – | – | – | – | – | ✓ | – |
| Key User | – | – | – | – | – | – | – | – | – | – | ✓ |
Die Buchhaltung trägt in dieser Matrix sowohl die Buchung der Eingangsrechnung als auch die Zahlungsfreigabe. In einem kleinen Team, in dem keine zweite Person diese Rechte trennen kann, gehört dazu eine Ersatzkontrolle, die vor der Zahlung greift; die Paare und die Kontrollen stehen im Artikel Funktionstrennung im ERP. Das Recht, Bankdaten zu ändern, trägt keine Rolle; es wird einzeln vergeben und mit einer Freigabe durch eine zweite Person verbunden. Der Key User trägt keine operativen Rechte, sondern Konfigurationsrechte; er ändert das System, nicht die Geschäftsvorfälle.
Unterschied zur Kassenrolle
Eine Kassenrolle regelt den Kassenbetrieb: Kasse öffnen und schließen, Bon stornieren, Rabatt geben, Rückbuchung. In diesem Zuschnitt enthält die Kassenrolle keine Buchungsrechte ins Hauptbuch und keine Stammdatenrechte. Das ERP-Rollenkonzept umfasst beide Rechtegruppen, verteilt sie aber auf unterschiedliche Rollen: In der Matrix oben bucht die Buchhaltung ins Hauptbuch, Einkauf und Vertrieb pflegen die Stammdaten. Die Trennung von Buchungs- und Stammdatenrechten ist der Punkt, an dem ein Kassenkonzept allein nicht trägt.
So prüfen Sie das Ergebnis
Fünf Proben, die auch ein Dritter nachvollziehen kann:
- Rollenprobe: Gibt es für jede Funktion genau eine Rolle, und ist jede Rolle nach der Funktion benannt, nicht nach einer Person?
- Rechteprobe: Trägt jede Rolle nur die Rechte, die für ihre Tätigkeiten nötig sind, und keine darüber hinaus?
- Trennungsprobe: Führt keine Rolle unvereinbare Aufgaben aus und kontrolliert sie zugleich; sind die kritischen Rechtepaare getrennt oder durch eine Ersatzkontrolle gesichert?
- Kontenprobe: Hat jede Person ein eigenes Konto, und sind keine gemeinsamen Konten im Einsatz?
- Dokumentationsprobe: Steht die Zuordnung Person–Rolle in der Dokumentation, und wurde sie zuletzt mit dem tatsächlichen Stand abgeglichen?
Wenn etwas nicht klappt
Je Fall stehen Symptom, mögliche Ursache und Abhilfe nebeneinander.
| Symptom | Mögliche Ursache | Abhilfe |
|---|---|---|
| Eine Person braucht ständig neue Einzelrechte | Rechte sind an Personen statt an Rollen vergeben | Tätigkeitsprofil prüfen und die Rechte in die passende Rolle verschieben |
| Zwei Abteilungen nennen verschiedene Rechte für dieselbe Aufgabe | Rollenzuschnitt wurde nicht abgestimmt | Fachverantwortliche einberufen und den Zuschnitt dokumentieren |
| Ein Konto kann bestellen, buchen und zahlen | Funktionstrennung fehlt | Rechte trennen oder eine Ersatzkontrolle vor der Zahlung einrichten |
| Nach einem Personalwechsel sind alte Rechte noch aktiv | Entzug wurde nicht durchgeführt | Rechte entfernen (ORP.4.A2) und die Dokumentation aktualisieren |
| Die Rollenliste wächst um Einzelrollen je Person | Rollen werden nach Personen statt nach Funktionen gebildet | Rollen zusammenfassen und nach Funktion benennen |
Wann Sie Hilfe holen sollten
Holen Sie die IT oder den ERP-Betreuer dazu, wenn das System keine Rollen kennt, die Sie brauchen, wenn Rechte nur auf Kontenebene vergeben werden können oder wenn die Funktionstrennung technisch nicht abbildbar ist; das sind Änderungen am System, keine Rollenarbeit. Braucht eine Rolle Rechte, die über den Standard hinausgehen, dokumentieren Sie die Begründung (ORP.4.A2). Die Pflege der Konten bei Eintritt, Wechsel und Austritt beschreibt Benutzerverwaltung im ERP; was ein Berechtigungskonzept ist, erklärt Berechtigungskonzept.