IT-Sicherheit rund ums ERP: Basismaßnahmen in Reihenfolge
Kurz gesagt
Beginnen Sie mit Konten und Rechten, danach mit Patches, Sicherungen und Protokollierung: Diese Basis-Anforderungen aus ORP.4, OPS.1.1.3, OPS.1.1.5 und CON.3 tragen im IT-Grundschutz die Umsetzungsreihenfolge R1. Danach folgen Server, Datenbank und Fernzugriffs-VPN (R2: SYS.1.1, APP.4.3, NET.3.3) und die Fernwartung (R3: OPS.1.2.5). Der IT-Grundschutz ist eine Methode des BSI; bindend wird er nur, wo eine Regelung oder ein Vertrag ihn festschreibt.
Das Wichtigste
- Der IT-Grundschutz ist eine Methode des BSI; verpflichtend wird er, wo eine Regelung oder ein Vertrag ihn festschreibt.
- R1 (vorrangig): ORP.4, OPS.1.1.3, OPS.1.1.5, CON.3, DER.1; R2: SYS.1.1, APP.4.3, APP.3.1, NET.3.3; R3: OPS.1.2.5.
- Basis-Anforderungen sind nach dem Kompendium vorrangig umzusetzen und erzielen mit geringem Aufwand den größten Nutzen.
- Mehr-Faktor-Authentisierung: Standard-Anforderung für Konten mit weitreichenden Rechten (ORP.4.A10), flächendeckend erst bei erhöhtem Schutzbedarf (ORP.4.A21).
- Patchmanagement hat nach BSI-CS 006 bei geringem Aufwand große Schutzwirkung; ab hoher Exposition 72 Stunden für Sicherheitsempfehlungen.
- Sicherungen räumlich getrennt aufbewahren und das Zurückspielen testen (CON.3.A12, CON.3.A15).
Ein ERP hält Aufträge, Rechnungen, Stammdaten und Lagerbewegungen an einer Stelle zusammen und gibt sie über Schnittstellen an Shop, Bank, Steuerberatung und Wartung weiter. Damit kommen zum Kassensystem drei Flächen hinzu: der Server, die Schnittstellen und der Fernzugriff.
Was Sie vorab brauchen
- ein Inventar aller IT-Systeme mit Betriebssystem, Anwendung, Version und Patchstand (BSI-CS 006, Nr. 5)
- eine Liste der Konten mit administrativen Rechten und der Person dahinter, dazu der Konten, unter denen Dienste und Schnittstellen laufen
- eine Liste aller Zugänge von außen: Fernwartung, VPN, Schnittstellen zu Shop, Bank, Steuerberatung
- den Sicherungsplan mit Speicherorten, Aufbewahrung und einem durchgeführten Zurückspielen
- je Maßnahme eine zuständige Person (OPS.1.1.3.A2)
- eine Testinstanz, in der Sie Patches und Änderungen vor der Produktion prüfen können
Schritt für Schritt: die ersten acht Maßnahmen
Schritt 1: Konten und Rechte ordnen
Jede Benutzendenkennung muss eindeutig einer Person zugeordnet sein, Rechte werden nur nach tatsächlichem Bedarf vergeben und bei personellen Veränderungen entzogen (ORP.4.A1, ORP.4.A2, Basis-Anforderungen). Der zugelassene Bestand wird dokumentiert und regelmäßig mit dem tatsächlichen Stand verglichen, auch gegen die aktuellen Aufgaben (ORP.4.A3). Unvereinbare Aufgaben trennt das Berechtigungskonzept (ORP.4.A4). Der Baustein ORP.4 trägt im Kompendium die Umsetzungsreihenfolge R1.
Schritt 2: Administratorkonten trennen
Konten und Gruppen dürfen nur über eigene administrative Rollen eingerichtet und gelöscht werden; vorkonfigurierte Kennungen sind vor dem produktiven Einsatz zu ändern (ORP.4.A1, ORP.4.A9). Kennungen mit weitreichenden Berechtigungen sollten mit einer Mehr-Faktor-Authentisierung geschützt werden (ORP.4.A10, Standard-Anforderung). ORP.4.A24 sieht das Vier-Augen-Prinzip bei erhöhtem Schutzbedarf vor. Die BSI-Basismaßnahmen ergänzen, Administratorkonten von anderen Konten zu trennen und keine gemeinsam genutzten Funktionskonten zur Authentisierung einzusetzen (BSI-CS 006, Nr. 11.2).
Schritt 3: Mehr-Faktor-Authentisierung für Zugänge von außen
Für die Fernwartung sieht OPS.1.2.5.A17 Mehr-Faktor-Verfahren vor; Auswahl und Begründung gehören dokumentiert und die Fernwartungszugänge ins Berechtigungsmanagement (Standard-Anforderung). Für Fernzugriff-VPNs kommt eine zentrale und konsistente Konten- und Zugriffsverwaltung hinzu (NET.3.3.A12, Standard-Anforderung). Flächendeckend über alle Anwendungen ist die Mehr-Faktor-Authentisierung im Kompendium dagegen eine Anforderung bei erhöhtem Schutzbedarf (ORP.4.A21). Nach den BSI-Basismaßnahmen ist eine Authentisierung allein mit Nutzername und Passwort ab einer hohen Cyber-Sicherheits-Exposition in Bezug auf Vertraulichkeit oder Integrität nicht ausreichend (BSI-CS 006, Nr. 11.1).
Schritt 4: Patches bewerten und zeitnah einspielen
Änderungen an Software und Konfiguration brauchen Vorgaben mit Rückfall-Lösungen und vorherigem Test (OPS.1.1.3.A1), Zuständige in allen Bereichen (OPS.1.1.3.A2) und eine Regel für integrierte Update-Mechanismen (OPS.1.1.3.A3). OPS.1.1.3.A15 verlangt, Patches zeitnah nach der Veröffentlichung zu bewerten und zu priorisieren und die Entscheidung gegen einen Patch zu begründen. Für Produkte, die der Hersteller nicht mehr unterstützt, ist zu prüfen, ob ein sicherer Weiterbetrieb möglich ist; ist er nicht möglich, dürfen sie nicht mehr verwendet werden. Das Virenschutzprogramm wird nach Herstellerempfehlung aktualisiert (OPS.1.1.4.A6). Nach BSI-CS 006, Nr. 6.1, lässt sich hier mit vergleichsweise geringem Aufwand eine besonders große Schutzwirkung erzielen.
Schritt 5: Sicherungen planen, trennen und testen
Der Sicherungsplan nennt Art, Häufigkeit, Aufbewahrung und die Reihenfolge der Wiederherstellung (CON.3.A4), die Sicherung läuft regelmäßig nach Plan (CON.3.A5), die Speichermedien liegen räumlich getrennt vom gesicherten System (CON.3.A12) und sind gegen Zugriff und Überschreiben geschützt (CON.3.A14). Für das Datenbanksystem kommt dessen eigene Sicherung hinzu (APP.4.3.A9). Ohne getestetes Zurückspielen bleiben alle Annahmen offen (CON.3.A15). Aufbau und Prüfung: Backup-Konzept fürs ERP und Restore-Test fürs ERP.
Schritt 6: Protokollieren, was auf ein Eindringen hinweist
SYS.1.1.A10 verlangt für Server mindestens Systemstarts und Reboots, erfolgreiche und erfolglose Anmeldungen, fehlgeschlagene Berechtigungsprüfungen, blockierte Datenströme, Einrichtung und Änderung von Benutzenden, Gruppen und Rechten, sicherheitsrelevante Fehlermeldungen und Warnungen von Sicherheitssystemen. OPS.1.1.5.A1 verlangt eine Protokollierungsrichtlinie, OPS.1.1.5.A3 die Konfiguration nach Herstellervorgaben samt stichpunktartiger Kontrolle, OPS.1.1.5.A4 die synchronisierte Systemzeit. Administrierende sollen die Protokolle nicht selbst ändern oder löschen können (OPS.1.1.5.A10, Standard-Anforderung). Mitgelieferte Detektionsfunktionen müssen aktiviert und ausgewertet werden (DER.1.A5). OPS.1.1.5.A5 verlangt, dass die Protokollierung die für Ihren Betrieb geltenden Datenschutz- und Mitbestimmungsregeln einhält; dieser Artikel legt diese Regeln nicht aus. Für die Aufbewahrungsseite in Deutschland: Löschkonzept und Aufbewahrung.
Schritt 7: Server und Schnittstellen absichern
Für einen physischen Server gilt: Er steht in einem Raum oder Schrank mit Zutritt nur für berechtigte Personen, wird nicht als Arbeitsplatz genutzt, und auf ihm wird nicht im Internet gesurft oder Software geladen (SYS.1.1.A1). Nicht verwendete Schnittstellen werden deaktiviert, nur vorgesehene Wechselspeicher zugelassen (SYS.1.1.A5), nicht benötigte Rollen und Dienste abgeschaltet (SYS.1.1.A6), und es wird geprüft, ob ein Virenschutzprogramm nötig ist (SYS.1.1.A9). Das Datenbankmanagementsystem wird nach einer eigenen Härtungsliste eingerichtet, Passwörter nicht im Klartext gespeichert (APP.4.3.A3), Datenbankverbindungen werden verschlüsselt (APP.4.3.A16, Standard-Anforderung) und Datenbank-Links restriktiv vergeben (APP.4.3.A13). Webservices und ihre Schnittstellen verlangen eine Authentisierung, wenn ein Client auf geschützte Ressourcen zugreift (APP.3.1.A1); Hintergrundsysteme werden nur über definierte Schnittstellen angebunden und über Netzgrenzen hinweg authentisiert und verschlüsselt (APP.3.1.A11, Standard-Anforderung); Zugangsdaten liegen serverseitig als Salted Hash (APP.3.1.A14).
Schritt 8: Fernzugriff begrenzen
Die Fernwartung wird geplant: welche Systeme, wer zuständig (OPS.1.2.5.A1). Zugänge und Verbindungen werden auf das notwendige Maß beschränkt, nach dem Zugriff getrennt, die Software nur auf den Systemen installiert, auf denen sie gebraucht wird, und Verbindungen über nicht vertrauenswürdige Netze verschlüsselt (OPS.1.2.5.A3). Arbeitet ein Dienstleister von außen, gehören die Vorgänge beobachtet und aufgezeichnet, die Sicherheitsanforderungen in den Vertrag und die Netze verschiedener Kundinnen und Kunden getrennt (OPS.1.2.5.A19, Standard-Anforderung). Der VPN-Zugang braucht eine sichere Konfiguration, eine Sperrung nicht mehr benötigter Zugänge und eine Begrenzung auf die benötigten Zeiten (NET.3.3.A4, NET.3.3.A5).
Die Reihenfolge mit Aufwand und Wirkung
Die Reihenfolge folgt dem Kompendium (R1 vor R2 vor R3, innerhalb eines Bausteins die Basis-Anforderungen). Aufwand und Wirkung sind redaktionelle Einschätzungen für einen Betrieb mit einem ERP-Server und bis zu 25 Arbeitsplätzen, keine Angaben des BSI.
| Maßnahme | Anker im IT-Grundschutz | Aufwand | Wirkung |
|---|---|---|---|
| Konten und Rechte ordnen | ORP.4.A1 bis A4, Basis; Baustein R1 | gering | hoch |
| Administratorkonten trennen, mit zweitem Faktor schützen | ORP.4.A1, ORP.4.A10 Standard; Baustein R1 | gering | hoch |
| Patches bewerten und zeitnah einspielen | OPS.1.1.3.A1 bis A3, A15, Basis; Baustein R1 | gering | hoch |
| Sicherungen planen, trennen und testen | CON.3.A4, A5, A12, A14, A15, Basis; Baustein R1 | mittel | hoch |
| Protokollierung einrichten und auswerten | SYS.1.1.A10 Basis, OPS.1.1.5.A1 bis A4 Basis; OPS.1.1.5 R1, SYS.1.1 R2, Auswertung DER.1.A5, A6 | mittel | mittel, mit Auswertung hoch |
| Serverzugriff und Schnittstellen schließen | SYS.1.1.A1, A5, A6, A9, Basis; Baustein R2 | mittel | hoch |
| Datenbank härten und Anbindung verschlüsseln | APP.4.3.A3 Basis, A13 und A16 Standard; Baustein R2 | mittel | hoch |
| Webservices und Schnittstellen prüfen | APP.3.1.A1, A14 Basis, A11 Standard; Baustein R2 | mittel | hoch |
| Fernzugriff begrenzen | OPS.1.2.5.A1, A3 Basis und A17, A19, A20 Standard, Baustein R3; NET.3.3.A4, A5 Basis und A12 Standard, Baustein R2 | gering | hoch |
| Mehr-Faktor-Authentisierung flächendeckend | ORP.4.A21, erhöhter Schutzbedarf | mittel | abhängig vom Schutzbedarf |
Was am ERP anders ist als am Kassensystem
Beim ERP verschiebt sich die Arbeit gegenüber einem Kassensystem auf drei andere Flächen. Erstens der Server: Er trägt Datenbank und Anwendung und kann in einer Virtualisierung oder bei einem Anbieter liegen (SYS.1.1, R2). Zweitens die Schnittstellen: Shop, Bank, Steuerberatung, Lagertechnik und Auswertungen greifen, wenn Sie sie anbinden, mit eigenen Konten zu; jede ist ein eigener Zugang, für den das Kompendium Authentisierung und Verschlüsselung vorsieht (APP.3.1.A11, APP.4.3.A16, beide Standard-Anforderungen). Drittens der Fernzugriff für Wartung und Homeoffice (NET.3.3, R2; OPS.1.2.5, R3). Prüffragen für den Einstieg bietet der Cybersicherheits-Check des BSI mit ISACA (Leitfaden Version 2, Stand Februar 2020).
So prüfen Sie das Ergebnis
- Jedes Konto gehört zu genau einer Person; administrative Rechte liegen auf eigenen Konten.
- Der Patchstand jedes Systems ist bekannt; jeder nicht eingespielte Patch hat eine dokumentierte Begründung.
- Eine Sicherung wurde vollständig zurückgespielt, Dauer und Ergebnis stehen im Protokoll.
- Die Protokolle zeigen Anmeldungen, fehlgeschlagene Anmeldungen und Rechteänderungen mit passenden Uhrzeiten.
- Die Liste der Zugänge von außen ist vollständig; jeder nicht benötigte Zugang ist gesperrt.
- Jede Maßnahme hat eine zuständige Person, jede offene Maßnahme eine Frist.
Wenn etwas nicht klappt
| Symptom | Ursache | Umgang |
|---|---|---|
| Nach einem Patch startet das ERP nicht | Änderung ohne Test oder ohne Rückfall-Lösung eingespielt | Testinstanz und Rückfallsicherung vor dem Einspielen nutzen (OPS.1.1.3.A1) |
| Im Notfall lässt sich die Sicherung nicht zurückspielen | Zurückspielen wurde nie geübt, oder der Schlüssel liegt nur im ausgefallenen System | Restore regelmäßig testen (CON.3.A15); für verschlüsselte Sicherungen den Schlüssel getrennt aufbewahren (CON.3.A13, erhöhter Schutzbedarf) |
| Protokolle zeigen Zeiten, die nicht zusammenpassen | Systemzeiten laufen auseinander | Zeitsynchronisation einrichten (OPS.1.1.5.A4) |
| Ein ausgeschiedener Mitarbeitender kommt noch ins ERP | Der Abgang ist nicht an den Entzug der Rechte angebunden | Ablauf für Einrichtung und Entzug festschreiben (ORP.4.A2) |
| Der Dienstleister greift zu, ohne dass es jemand merkt | Kein Meldeprozess, keine Aufzeichnung | Meldeprozess und Aufzeichnung der Fernwartung (OPS.1.2.5.A19, OPS.1.2.5.A20) |
Wann Sie Hilfe holen sollten
Holen Sie Ihre ERP-Betreuung dazu, wenn Ihr Wartungsvertrag einen Fernzugang vorsieht, Sie aber die Konten dahinter nicht benennen können, oder wenn ERP, Datenbank und weitere Anwendungen auf demselben Server laufen: Ein Dienst pro Server ist im Kompendium eine Anforderung bei erhöhtem Schutzbedarf (SYS.1.1.A30). Eine externe Beratung brauchen Sie auch, wenn Schnittstellen ohne Dokumentation gewachsen sind. Für den Einstieg ohne Beratung ist der Leitfaden zur Basis-Absicherung des BSI gedacht; er richtet sich ausdrücklich an kleine und mittlere Unternehmen.